Ist der Ausbildungspakt nun ein Erfolg oder nicht? Hier eine ausgewogene Bilanz zu ziehen fällt nicht leicht, denn die Zahlen sind widersprüchlich. Einerseits wurden 2005 63.400 neue Ausbildungsplätze geschaffen. Versprochen worden waren nur 30.000. Das entspricht einer Planübererfüllung von mehr als 50 Prozent. 40.000 Betriebe stellten erstmals einen Ausbildungsplatz zur Verfügung. "Der Ausbildungspakt ist ein voller Erfolg und wird in seiner bewährten Form für weitere drei Jahre fortgesetzt", sagte denn auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos am Montag nach einem Treffen des Lenkungsausschusses, in dem Bundesregierung und Wirtschaftsverbände vertreten sind.

Die Gewerkschaften machen dagegen eine andere Bilanz auf, und auch sie verwenden keine falschen Zahlen. Vier Prozent weniger neue betriebliche Lehrverträge 2005 und eine im Jahresschnitt um 108.000 höhere Jugendarbeitslosigkeit seien "wirklich kein Grund zum Feiern", so die IG-Metall. Der Ausbildungspakt von Bundesregierung und Wirtschaft habe auch im zweiten Jahr "nicht das gehalten, was großspurig versprochen wurde". So seien 2005 mit 550.000 Ausbildungsverträgen 22.800 weniger junge Menschen neu in eine Lehre gestartet als noch im Vorjahr. Dies sei das schlechteste Ergebnis der vergangenen zehn Jahre. Auch ein Vergleich der Zahl der betrieblichen Ausbildungsverträge vor Abschluss des Paktes mit der jetzigen Situation fällt für die Vereinbarung nicht schmeichelhaft aus. 7900 betriebliche Ausbildungsplätze mehr als 2003 gab es im letzten Jahr. Kein großer Erfolg im Verhältnis zu dem betriebenen Aufwand.

Bei den gemeinsamen Nachvermittlungsaktionen von Kammern und Arbeitsagenturen erhielten 93 Prozent der zur Nachvermittlung erschienen Jugendlichen ein Angebot. Dennoch blieben die Ergebnisse hinter denjenigen des Vorjahres zurück.

Die größte Crux liegt zweifellos in der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung. Solange die Lage am Arbeitsmarkt sich nicht deutlich entspannt, wird auch bei der Ausbildung kein Durchbruch zu erzielen sein. Allein im Handwerk seien im vergangenen Jahr 140.000 Stellen verloren gegangen, so der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Otto Kentzler. Da sei es schon ein Erfolg, dass die Ausbildungsquote im Verhältnis dazu noch gestiegen sei.  Für die kommenden Jahre setzt man denn auch in erster Linie auf das Prinzip Hoffnung. Wenn die Konjunktur anziehe, wovon man ausgehe, werde es auch mehr Ausbildungsplätze geben, beteuerten alle Mitglieder des Lenkungsausschusses unisono.

Die Gewerkschaften wollen sich damit allerdings nicht vertrösten lassen. Sie verlangen nach wie vor eine Ausbildungsplatzabgabe. Und haben dafür ein gutes Argument: Der Staat subventioniere inzwischen die betriebliche Ausbildung mit 3,2 Milliarden Euro pro Jahr. Gleichzeitig nehme die Qualifikationsbereitschaft der Unternehmen weiter ab. Nicht mehr als ein Viertel der Betriebe (23,4 Prozent) stelle neue Lehrlinge ein. Deswegen wachse bei den ausbildenden Betrieben die Verärgerung über die Verweigerungshaltung der anderen.

Doch trotz der bescheidenen Erfolge des Ausbildungspakts besteht für eine solche Maßnahme, die selbst unter Rot-Grün stets nur Drohgebärde war, nicht die leiseste Chance auf Verwirklichung. "Es wird keine Abgabe geben", erklärte Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) ultimativ und forderte statt dessen die Gewerkschaften auf, am Erfolg des Ausbildungspaktes mitzuarbeiten. Bei einem Treffen zwischen Gewerkschafts- und SPD-Spitzen am Montagabend soll dieser Überzeugungsversuch fortgesetzt werden.