Die alltäglichen Nachrichten, die in Israel über die Hamas zu lesen sind, handeln überwiegend von den selbst gebauten Kassam-Raketen, die aus den palästinensischen Gebieten auf Israel abgeschossen werden - meist ohne größeren Schaden anzurichten. Die Antworten der israelischen Armee lassen sich dann tags darauf beim Frühstück nachlesen. Zum Beispiel, dass das Abschussgebiet der Rakete samt der umliegenden Wohnhäuser bombardiert wurde, oder dass wieder einmal ein ranghohes Mitglied der Hamas durch einen Luftschlag auf sein Haus oder Auto getötet wurde. Manchmal verwundert es, woher die Hamas immer wieder so viele „ranghohe Mitglieder“ bekommt, die als Zielscheiben leben wollen.

Die Berichterstattung in Israel über die Hamas wird sich verändern. Die israelische Öffentlichkeit wird lernen, was es bedeutet, dass die Hamas eine „Bewegung“ und nicht nur eine gut organisierte und finanzierte Terrororganisation ist.

Politische Bewegungen haben keinen starren Rand, keine festgezurrte Struktur. Niemand wird „Mitglied“ der Hamas. Sie ist keine Partei, bisher jedenfalls nicht. Es existieren keine Plastikkärtchen mit Namen und Bildchen darauf. Trotzdem weiß jeder, wer zu welcher politischen Fraktion gehört. Und zur Hamas zu gehören heißt, sich in einer von vielen unterschiedlichen Organisationen zu engagieren, die ihrerseits von der Oberaufsicht der örtlichen sowie der sich im Exil befindlichen Hamas- Führung zusammengehalten werden. Hamas ist zum Beispiel, wer in Schulen unterrichtet, deren Finanzen von einem örtlichen Scheich verwaltet werden. Dieser Mann Gottes ist niemals aufgestanden und hat gesagt: „Ich bin der Schatzmeister, der Verwalter und der Führer der örtlichen Hamas-Untergruppe“ – und doch, jeder sieht ihn genau in dieser Rolle.

Und er genießt Anerkennung dafür. Hamas, das sind eben nicht nur die Selbstmordattentäter, sondern vor allem auch respektierte Männer und ihre Gemeinschaften, oftmals Apotheker, Ärzte, Ingenieure. Angesehen, weil sie ihren Mitmenschen helfen. Weil sie in deren Augen Gottgefälligkeit verkörpern. Und vor allem: weil sie nicht bestechlich sind. Diese Männer haben sich nicht die Taschen gefüllt, wie es die Notablen des palästinensischen Nationalkampfes der Fatah getan haben. Man musste den Palästinensern nicht ihre Stimme für eine Schale Suppe abkaufen, die ein weit entfernter Terrorchef bezahlt hat. Die Hamas-Listen wurden gewählt, weil die Kandidaten respektiert wurden und das Wahlvolk der Fatah nicht mehr traute. Das nennt man demokratischen Elitentausch.

Doch was kommt nun? Die wabernde Gewalt- und Sozialbewegung Hamas muss zu einer Struktur erwachsen. Sie muss die Grundzüge einer modernen Partei ausbilden, um sich nicht in Selbstzerfleischung zu ergehen. Sie wird versuchen, ihr Sozialsystem an das der palästinensischen Autonomiebehörde anzudocken. Regionale Politik zu verwalten, das wird die Hamas schnell lernen. Und sie wird ihre Krieger enger führen müssen. Sie wird auch in Zukunft töten, weniger vielleicht, dafür aber gezielter.

Christian Knoll ist Politikwissenschaftler und forschte im Herbst vergangenen Jahres im Nahen Osten über die Strukturen der Hamas.