Wie so oft im Nahen Osten war am Morgen nichts mehr wie am Abend zuvor. Am Donnerstag gab die Presse der Fatah noch einen Wahlvorsprung, aber als die Zeitungen dann erschienen, waren die Titel bereits veraltet. Wenige Stunden später zog der palästinensische Ministerpräsident Achmed Kurei die Konsequenz aus einem hohen Sieg für die Hamas – und trat zurück. Von einem politischen Erdbeben ist seither die Rede. Dabei kommt der Erfolg der Islamisten gar nicht einmal überraschend.

Der Niedergang der herrschenden Fatah-Partei zeichnete sich schon lange ab, Vorwürfe von Korruption, Vetternwirtschaft und Missmanagement hatten die bisher einzige Regierung der Palästinenser in den Autonomiegebieten diskreditiert. „Die Leute brauchen in diesen Zeiten Hoffnung. Die Hamas war bisher noch nicht an der Macht gewesen, das mag viele dazu gebracht haben, etwas Neues auszuprobieren“, versucht der ehemalige Fatah-Minister Ziad Abu-Zayyad den Wahlsieg zu erklären.

Er ist nicht der einzige Palästinenser, der das Ergebnis als Protestwahl sieht. Die Fatah wurde abgewählt, die Hamas hat davon profitiert. Ihr populärer Slogan im Wahlkampf lautete „Veränderung und Reform“ - damit präsentierten sich die Islamisten als die bessere Ordnungsmacht und die fähigeren Manager in inneren Angelegenheiten.

Ihr außenpolitisches Programm, das heißt, die Vernichtung des Staates Israel, spielte im Wahlkampf eine zweitrangige Rolle. Zwar deuteten ein paar prominente Hamas-Vertreter bei diesem Thema kürzlich flexiblere Positionen an - einschließlich der Bereitschaft , Verhandlungen mit dem zionistischen Feind aufzunehmen - doch ist das nicht die offizielle Linie. Deshalb ist jetzt völlig offen, wie es weitergeht.

Präsident Machmud Abbas hatte auf die Einbindung der Islamisten gesetzt und gehofft, sie mit der Teilnahme an der Wahl zu zähmen. Aber er rechnete nicht damit, dass sie die Regierung stellen könnten. Wenn nun die Hamas die Macht übernimmt, stellt sich auch die Frage ihrer Entwaffnung anders. Denn wenn die Islamisten nicht mehr als Miliz auftreten, sondern als legitime Ordnungsmacht, dann müssen sie sogar über Waffen verfügen.

Die Vereinigten Staaten und Israel haben bereits angekündigt, dass sie keine Kontakte unterhalten werden mit einer Organisation, die eine ganze Infrastruktur für das Aussenden von Selbstmordattentätern unterhält. Was ist, wenn – wie angedroht - fortan die internationalen Hilfsgelder ausbleiben, die die Autonomiebehörde bisher am Leben gehalten hatten?

Auch innenpolitisch könnte die Wahl wie ein Bumerang zurückschlagen. Viele Palästinenser erinnern sich nur ungern an die erste Intifada, als die Hamas vor allem in Gaza den gesellschaftlichen Ton angab. Das hieß Kopftuch und züchtige Kleider für die Frauen, kein Alkohol, kein Kino oder andere säkularen Vergnügungen.

Die Islamisten mit ihrer Sittenpolizei kennen keine Privatsphäre, wenn es - aus ihrer Sicht - um den Respekt des Islam geht. Und bisher war das breit gefächerte soziale Hilfswerk der Hamas unter anderem auch als Köder gedacht, um neue Schäfchen zur Religion zu bekehren. Als stärkste Macht müsste sie nun beweisen, dass sie für alle da ist. Auch für jene, die ihre Überzeugungen nicht teilen.