"Wir stehen vor einem ökologischen Hiroshima..."schrieb der Spiegel 1983, als wegen des angeblich drohenden "Waldsterbens" nahezu eine öffentliche Hysterie ausbrach.

Nicht ganz so dramatisch, fallen die Ergebnisse des Waldzustandsberichts 2005 aus. Entwarnen darf man dennoch nicht. Der deutsche Wald kränkelt nämlich weiterhin: Knapp ein Drittel der Bäume hat beschädigte Baumkronen. Besonders schlecht steht es um die Eiche, eine der wichtigsten Baumarten in unseren heimischen Mischwäldern. Jede zweite leidet unter Schäden in der Krone.

Weil das aber im Wesentlichen nichts Neues ist - die Anzahl der geschädigten Bäume bleibt seit Jahren mehr oder weniger gleich - interessiert sich kaum noch jemand dafür. Der Grund: Ausschließlich der Kronenzustand wird zur Bewertung der Bäume herangezogen. Diese Methodik wird schon seit mehr als zehn Jahren kritisiert, denn Wissenschaftler sind sich inzwischen darüber einig, dass auf diese Weise keine Aussage über den wahren Zustand unserer Waldbäume getroffen werden kann.

Blatt- und Nadelverlust sind zwar ein Zeichen für Stress, geben aber für sich noch keinen Hinweis darauf, ob Luftverschmutzung oder ein Parasit den Stress verursacht hat. Daher ist es unbedingt notwendig, den Zustand der Wälder in Zukunft mit zusätzlichen Methoden zu untersuchen. So sollten beispielsweise Ergebnisse von Bodenuntersuchungen in die Bewertung einfließen.

Entstanden ist der Mythos vom "sterbenden Wald" in den achtziger Jahren. 1984 hatte die damalige Bundesregierung den ersten Waldschadensbericht veröffentlicht. Seitdem kommt es jedes Jahr zu dem gleichen Ritual: Im Spätsommer schwärmen Forstbeamte in die deutschen Wälder. Sie mustern die Kronen von 13.000 Bäumen und bewerteten sie nach dem Grad ihrer Belaubung und Benadelung. Je lichter die Krone, desto kränker der Baum.

Die apokalyptischen Visionen sind ausgeblieben - aber ist der Wald deshalb gesund? Natürlich nicht. Säuren, Stickstoff, Ozon und Abgase aus Verkehr und Landwirtschaft stressen ihn ständig. Dass der wald noch nicht stirbt, verdanken die Bäume einerseits der erfolgreichen Eindämmung von schwefelhaltigen Autoabgasen und Industrieemissionen. Andererseits hat sich auch gezeigt, dass die Gesundheit der Wälder auf komplexen Systemen beruht, denen mit einfachen Erklärungsmodellen nicht beizukommen ist. Natürliche Schadfaktoren wie Frost, Trockenheit, Insekten- und Pilzbefall setzen den Wäldern ebenso zu wie Schadstoffeinträge aus Landwirtschaft, Verkehr und Industrie.

Dennoch stacheln sich seit zwanzig Jahren Politik und Umweltverbände gegenseitig an und halten den Mythos vom sterbenden Wald aufrecht. Nur einmal, im Sommer 2003, wagte die damalige Umweltministerin Renate Künast (Grüne) einen Vorstoß und erklärte das Waldsterben für beendet. Die Ergebnisse des Waldzustandsberichtes nach dem extremen Trockenjahr 2003 riefen allerdings abermals Umweltschützer auf den Plan. Man fuhr weiter mit den Nadel- und Blätter-Zählungen fort. Und dabei wird es wohl noch eine Weile bleiben.