Es ist schon seltsam, welch gewaltige Wirkung mitunter der kleinste und nichtigste Anlass erzielen kann. Um den gegenwärtigen Kampf zwischen moslemischer und westlicher Welt zu entfachen, bedurfte es lediglich einiger Karikaturen, erschienen in einer bislang der internationalen Öffentlichkeit unbekannten dänischen Zeitung. Nachdem am Donnerstag die Emotionen in der arabischen Welt explodierten, rufen nun die deutschen Kommentatoren unter dem Motto "Standhaft bleiben" ( Frankfurter Allgemeine Zeitung ) oder "Keinen Fingerbreit nachgeben" ( Leipziger Volkszeitung ) zur Verteidigung der westlichen Werte auf.

"Unter dem Eindruck der Terrorismusdrohung sind manche jetzt offenbar leichter als zu Zeiten Rushdies geneigt, sich rasch zu entschuldigen und damit den Prinzipien der Meinungsäußerungsfreiheit und der Autonomie der Kunst Schaden zuzufügen", heißt es in der FAZ . Doch nicht nur vor Feigheit vor dem Feind meint man warnen zu müssen. Auch ein Übermaß an political correctness sei schädlich, wenn eine Schutzpflicht für die eine oder alle Religionen insgesamt ausgerufen werde. Sie würde das Ende eines wirklich kritischen Nachdenkens gerade über jene Fragen bedeuten, welche die Menschheit seit alters am meisten bewegen.

Dabei übersieht der Kommentator allerdings, dass die überwiegende Zahl der deutschen Zeitungen, die sich gegen eine Veröffentlichung der Karikaturen entschieden hat, dies möglicherweise aus dem einfachen Grundsatz heraus getan hat, dass zwischen einem kritischen Dialog über Religion und der Verletzung religiöser Gefühle durchaus ein Unterschied ist.

So fragt etwa die Frankfurter Rundschau kritisch, ob es hier wirklich um Pressefreiheit geht. Sie selbst will die Karikaturen nicht drucken, und zwar weil man versuche, die Pressefreiheit zu verteidigen und zu praktizieren, "sich aber aus dem Fahrwasser eines Journalismus fern zu halten, der mit Marketing mehr zu tun hat als mit Information und Dokumentation".

Auch viele andere Zeitungen erliegen erfreulicherweise nicht der Versuchung, es bei der ersten reflexhaften Abwehr des moslemischen Aufruhrs nach dem Motto "die spinnen, die Moslems" zu belassen. So macht sich die Süddeutsche die Mühe, zu erklären, warum die aus westlicher Sicht harmlosen Zeichnungen die islamische Welt so sehr verletzen. Sie erläutert, dass Mohammed in der islamischen Tradition eben gerade nicht angebetet und religiös verehrt werden dürfe. Er ist, im Gegensatz zu Jesus, nicht göttlich. Gleichwohl dürfe er auch nicht verspottet werden. Dies sei der Grund, warum es keine einzige Bilddarstellung des Gesichts von Mohammed gibt.

Auch die Berliner Zeitung bezweifelt, ob im Karikaturenstreit tatsächlich die Grundwerte westlicher Demokratien zur Debatte stehen. Selbstverständlich müsse die Kunst- und Meinungsfreiheit unantastbar sein, heißt es dort. "Aber auch unerschütterliche Rechte können verkehrt gebraucht werden. Und das ist der Fall bei besagten Karikaturen. Sie sind ja keine blitzenden Einwürfe gegen den Ungeist, keine Voltairischen Flüge der Kritik. Sie sind – und vor allem gilt das für den berühmten Mohammed mit einer Bombe als Turban – Zeugnisse einer Fremdenfeindlichkeit, die sich jetzt wundert, dass die Beleidigten beleidigt sind."

Und auch die taz hebt auf die "bequeme Unauffälligkeit der fremdenfeindlichen dänischen Politik" ab. Vielen Menschen des Westens mag diese Ursachenreflexion als typisch linke Unfähigkeit erscheinen, die islamische Welt zu kritisieren. Gleichwohl: Nur wo der Westen statt reiner Abwehr auch kritische Selbstreflexion übt, bleibt er seinen grundlegenden Werten wirklich treu.