Herr Glaser, 1980 trafen Sie zum ersten Mal den Computer. Seitdem gelten Sie als Netzpionier. Was ist das Internet heute für Sie? Recherchemöglichkeit, Spielzeug, Mülleimer?

Peter Glaser: Spielzeug weniger. Es ist für mich in der Zwischenzeit zu großen Teilen ein Arbeitsinstrument geworden. Ich gehe da relativ strukturiert vor. Für mich ist das Netz ein Bereich, in dem ich mich nach Neuem umschaue, weil es noch eine relative junge und dynamische Struktur ist, in der immer mal wieder Unerwartetes auftaucht.

Relativ neu ist auch die unglaubliche Macht von Suchmaschinen. Das Verb „googeln“ ist bereits in den Duden aufgenommen worden. Muss ich nicht das „Googeln“ genauso lernen wie das Schreiben?

Ja, denn man hat immer nur diesen Google-Briefschlitz. Und es geht darum zu wissen, was hinter diesem Briefschlitz ist. Darin besteht Bildung. Wenn man sagen kann „Ich weiß, was die Grundprinzipien der Enzyklopädie sind. Ich weiß, was es zu wissen geben könnte“, dann kann man auch anfangen, das Suchen ein bisschen zu verfeinern. Es gibt diesen schönen englischen Begriff „ serendipity “, der noch gar nicht ins Deutsche übertragen worden ist und den der englische Autor Horace Walpole, in Anlehnung an das Buch The Three Princes of Serendip , geprägt hat. Serendip ist eine alte Bezeichnung für Ceylon, das heutige Sri Lanka. Die drei Prinzen in der Geschichte finden immer wieder wichtige und interessante Sachen, die sie gar nicht gesucht haben. Genau das ist das Google-Prinzip. Ich finde im Internet die interessantesten Sachen, nach denen ich überhaupt nicht gesucht habe.

Man findet aber im Internet auch Geschichten und Nachrichten, die völlig uninteressant sind. Oder Informationen, die einfach falsch sind, wenn man sich mal beispielsweise die Gerüchte über den 11. September in Erinnerung ruft, die im Netz kursierten.

Das ist wahr. Sogar Wikipedia setzt Gerüchte in die Welt. Die journalistischen Prinzipien und die Fähigkeit, Informationen wahrzunehmen, zu sichten und zu bewerten, müssen ins allgemeine Bildungsgut übergehen. Denn sonst bringt man die Leute in eine Situation, in der Resignation oder der Kulturpessimismus zu stark in den Vordergrund treten. Das Gute ist aber, dass man den Umgang mit Informationen heute auch etwas intensiver lernt, als in den Zeiten vor dem Internet. Damals hat sich jeder zurückgelehnt und sich gesagt: „Die vom Spiegel, die werden schon ihre Dokumentare haben, die alles checken.“

Also sollte besser jeder sein eigener Journalist sein und die Quellen selbst prüfen?

Genau. Ich glaube, dass mittlerweile Journalismus gar kein spezieller Beruf mehr ist, sondern ein Element der Allgemeinbildung. Jeder muss ein Mobile an journalistischen Kriterien entwickeln, um Informationen selbst zu prüfen und zu filtern. Die große Herausforderung für die professionellen Journalisten und Zeitungsmacher ist es heute, sich zu fragen, wofür sie nach wie vor Geld verlangen können, wenn jeder ein Journalist ist.

Wo lernt der Durchschnittsbürger, Journalist zu werden?

Nirgends. Das hat sich im Bildungssystem noch nicht rumgesprochen. Lehrer gehören ja zu den eher überforderten Teilen der Informationsgesellschaft. Da ist eher Selbsthilfe, learning by doing , angesagt.

Von Ihnen stammt der Satz: „Information ist schnell, Wahrheit braucht Zeit“. Online-Journalismus ist sehr schnell. Ist er also minderwertig und unglaubwürdig?

Nicht minderwertig, aber es existieren bestimmte Formen von Konkurrenz in den Medien und im Journalismus, die ausschließlich mit Dynamik zu tun haben und sich von der Realität abkoppeln. Bestimmte Themen jazzen sich in unglaublicher Geschwindigkeit hoch, was aber immer öfter immer weniger mit der Realität zu tun hat, sondern zunehmend mit der Konkurrenz unter den Medien. Die Medien erhöhen den Wert eines Themas dadurch, dass sie es stärker dramatisieren. Sie versuchen, die Tube immer weiter auszuquetschen, auch wenn sie schon leer ist. Wenn man sich aber ein bisschen Zeit lässt und noch mal nachrecherchiert, merkt man, dass diese Dramatik gar nicht angemessen ist.