Es gibt kein Album der Band, das einem auf Anhieb gefällt, und auch Buchstaben über der Stadt bildet hier keine Ausnahme. Stattdessen rollen die Stücke wie eine Welle langsam in Richtung Strand, bis die Dünung bricht – und man das Album nicht mehr aus dem Player nehmen möchte. Nach Jahren auf kleinen deutschen Bühnen hat sich die Hamburger Band um den Sänger Thees Uhlmann in die Herzen der deutschen Plattenkäufer und der Musiksender gespielt.

Eigentlich grenzt es an ein Wunder, standen sie doch wie viele andere deutschsprachige Gruppen ohne richtigen Plattenvertrag da. Zusammen mit der anderen derzeit bekannten Hamburger Band Kettcar gründeten sie deshalb 2002 ein eigenes Label: Grand Hotel van Cleef. Ein ungewöhnlicher Name für eine Plattenfirma, ein ungewöhnlicher Schritt für eine Band. Fast gleichzeitig schafften Kettcar und Tomte den Durchbruch – unabhängig von den Musikkonzernen.

Buchstaben über der Stadt ist in vielerlei Hinsicht ein typisches Tomte-Album. Weiche Gitarrensounds gleiten unter Thees Uhlmanns gewöhnungsbedürftiger Stimme. Immer leicht verraucht singt der ins Berliner Exil gegangene Sänger, ohne einen Ton dauerhaft zu halten und ohne es darauf anzulegen. Keine wirklich lauten Stücke, die Band scheint reifer und älter geworden und noch etwas leiser. Stattdessen gefälliger Pop mit den bekannten Textbausteinen des Tomte-Repertoires.

Da ist viel die Rede vom Himmel, von der Sonne, der Liebe, von den perfekten und den anderen Tagen. Tomtes Zeilen atmen melancholische Poesie:

Können wir gehen vom Süden des Landes
bis zum Norden der Welt um zu sehen was der Stand ist?
Ich werde dich wiedersehen, weil ich es will
und wir singen ein Lied das uns begleitet,
ein kleines Licht, dass durch die Dunkelheit gleitet
ich werde dein Schatten sein, wohin Du auch gehst


So heißt es in Norden der Welt.

Nun gibt es zwei Arten, derlei Texte zu sehen. Entweder sagt man: Tomte, Kettcar und Wir sind Helden holen die Lyrik in die Populärmusik zurück. Oder man bemängelt die Diskrepanz zwischen musikalischem und sprachlichem Anspruch. Gymnasiastenpop? Liedzeilen wie Ein passionierter Mensch in einem mediokren Land würden einen Gymnasiallehrer heutzutage wahrscheinlich eher schon erfreuen.

So oder so – das Album reicht nicht ganz an die Vorgängerscheibe Hinter all diesen Fenstern heran; jenes Album, das die Musikkritik mehr oder weniger verschlief und nun im Nachhinein zu Lobeshymnen anzutreiben scheint. Doch ist Buchstaben über der Stadt mit ziemlicher Sicherheit eines der interessantesten Alben deutscher Sprache dieses Jahres. Manisch depressiv, wie es sich gehört.

Audio:
Hören Sie hier Norden der Welt von Tomte