Dieses Thema wird von den ZEIT online-Lesern intensiv diskutiert

Wenn Ayaan Hirsi Ali ein vorsichtiger Mensch wäre, dann hätte sie nicht hier gestanden, an diesem grauen Februartag im Haus der Bundespressekonferenz vor in- und ausländischen Journalisten, vor den zahlreichen Kameras. Wenn Ayaan Hirsi Ali ein vorsichtiger Mensch wäre, hätte sie in diesem Moment vielleicht gerade ihre Kindern versorgt, in einem afrikanischen Land, verheiratet mit einem Mann, den sie sich nicht ausgesucht hat. Aber Ayaan Hirsi Ali ist nie ein vorsichtiger Mensch gewesen. Und deshalb sind auch ihre Worte nicht diplomatisch, abgewogen, zurückhaltend sondern klar und deutlich, auch provozierend.

"Right to offend" – Recht zu verletzen, zu beleidigen, anzuecken – so hat die niederländische Politikerin der rechtsliberalen Partei für Freiheit und Demokratie am Donnerstag ihre Position zum Karikaturenstreit zusammengefasst. Ohne dieses Recht kann Demokratie nicht bestehen, glaubt sie, kann es keine wirkliche Meinungs- und Pressefreiheit geben. Es sei richtig gewesen, die Karikaturen über den Propheten Mohammed zu veröffentlichten, denn mit ihnen habe die dänische Zeitung Jyllands Posten gegen die vorauseilende Selbstzensur westlicher Medien protestieren wollen. Die Politikerin beruft sich dabei auf die Geschichte, die den Karikaturen vorausging. Darin geht es um den Autor, der für sein Buch über Mohammed keinen Zeichner fand, und um die mutige Zeitung, die prüfen wollte, ob das wirklich stimmte, und schließlich doch einige Zeichenwillige entdeckte. Der Rest ist bekannt.

Es ist die freundlichste Variante, die man über das Zustandekommen der Karikaturen erzählen kann. Es gibt auch andere. Die handeln von der fremdenfeindlichen Tendenz der Zeitung, der Lust an der Provokation, der dadurch begründeten Steigerung der Auflage, und auch davon, dass dieselbe mutige Zeitung Karikaturen über christliche Inhalte ablehnte. Begründung: Das könnte die Leser ärgern. Doch dieses Abwägen, Relativieren, Infragestellen, ist Ayaan Hirsi Alis Sache nicht. Die schmale Frau, die in ihrer engen weißen Kleidung ein wenig überirdisch wirkt, wie eine kämpferische Lichtgestalt, hat eine Mission. Sie will aufrütteln und anklagen. Sie will der Welt die dunklen Seiten der islamischen Gesellschaften ins Bewusstsein rufen. Wenn westliche Politiker und Journalisten Verständnis für die verletzten Gefühle der Moslems äußern, vermutet sie dahinter nur Feigheit und mangelnde Solidarität mit den Opfern. "Schämt euch, ihr Journalisten, die ihr von der Freiheit der Rede lebt und gleichzeitig Zensur akzeptiert, schämt euch, ihr Politiker, die ihr die Karikaturen für unnötig erklärt, schämt euch, ihr europäischen Firmen im Nahen Osten, die ihr mit dem Slogan werbt "wir verkaufen keine dänischen Produkte"", sagte sie in ihrer flammenden Rede.

Für ihre Unerbittlichkeit hat sie einen guten Grund. Es ist ihre eigen Lebensgeschichte. Mit fünf Jahren wurde die in Somalia geborene Ayaan Hirsi Ali beschnitten. Sie wuchs in einer muslimischen Umgebung auf und wurde religiös erzogen. "Mehrmals täglich betete ich für die Vernichtung der Juden", erzählte sie später einmal. Mit Anfang 20 sollte sie zwangsverheiratet werden. Sie floh in die Niederlande, arbeitete dort als Putzfrau und Dolmetscherin, aber auch als Sozialarbeiterin und erlebte auf diese Weise erneut das Elend vieler muslimischer Frauen. Sie studierte Politikwissenschaft und schrieb ab 2002 islamkritische Bücher, für die sie mit dem Tode bedroht wurde. Für den Regisseur Theo van Gogh schrieb sie das Drehbuch zu dem Film Submission, den dieser mit dem Leben bezahlte. Nur weil Ayaan Hirsi Ali damals schon unter Personenschutz stand, traf der Anschlag nicht sie. Sie tauchte unter und kehrte zurück in die Öffentlichkeit, weil sie vor allem eines nicht wollte: sich einschüchtern lassen. "Ich habe schon Angst um mein Leben", sagte sie auch am Donnerstag. "Aber schweigen werde ich nicht".

Deswegen ist es auch kein Wunder, dass der Karikaturenstreit in ihren Augen auch eine positive Wirkung hat: Er habe nämlich ans Licht gebracht, wie verbreitet die Angst unter Autoren, Filmemachern und Zeichnern sei, die intolerante Aspekte des Islams kritisch beschreiben und analysieren wollten. Er habe außerdem aufgedeckt, dass es in Europa eine "beachtliche Minderheit" gebe, die nicht bereit sei, die Prinzipien liberaler Demokratie zu akzeptieren, sagte sie und setzte dann spöttisch und schlagend hinzu: Länder wie Saudi-Arabien unterstützten angebliche Graswurzelbewegungen zum Boykott dänischer Produkte, während sie diese niemals akzeptieren würden, wenn sie sich statt dessen für das Wahlrecht einsetzten.

Ayaan Hirsi Ali legt ihren Finger gerne in Wunden. So kritisiert sie auch das weitverbreitete Selbstmitleid unter vielen ihrer ehemaligen Glaubensbrüder. Sie selbst fühlt sich dem Islam zwar emotional noch verbunden, bezeichnet sich aber nicht als Gläubige. Viele Muslime würden sich gerne als Opfer sehen, sagt Ayaan Hirsi Ali. Sie pflegten das Gefühl, alle Welt sei gegen sie, um damit ihr eigenes Versagen entschuldigen zu können. Gerade für die muslimischen Einwanderer in europäische Länder treffe dies aber häufig nicht zu. Sie hätten im Westen weit mehr Freiheiten als Anhänger anderer Religionen in muslimischen Ländern.

Doch dabei bleibt es nicht. Ayaan Hirsi Ali geht noch weiter. Es ist die Unantastbarkeit der Religion selbst, die sie in Frage stellt. Der Prophet habe durchaus gute Dinge getan und Menschen zur Wohltätigkeit ermutigt, räumt sie ein. Gleichwohl – und damit ist sie beim Kern des Problems – sei er gegenüber Menschen, die nicht seiner Meinung gewesen seien, respekt- und gefühllos gewesen. Was Ayaan Hirsi Ali sich wünscht, ist ein aufgeklärter Islam, eine Religion, die sich der Vernunftskritik unterwirft, die sich nicht absolut setzt. An diesem Punkt dürfte die Kluft zwischen ihr und den traditionellen Moslems am unüberbrückbarsten sein, nicht weniger unüberbrückbar allerdings als zu den vor allem in den USA aus dem Boden schießenden fundamentalistischen Christen.

Der gegenwärtige Konflikt hat für Ayaan Hirsi Ali keinen ethnischen oder sozialen Hintergrund. "Es handelt sich", sagt sie, "um einen Kampf der Ideen". Hier die aufgeklärte, liberale Demokratie, dort der intolerante religiöse Fundamentalismus. Dabei setzt Demokratie auch ihre eigene Kritisierbarkeit voraus. Das weiß auch die niederländische Politikerin. "Ich habe nichts dagegen, wenn Moslems friedlich gegen die Karikaturen demonstrieren", sagt sie. Nein, das sei vielmehr ganz in ihrem Sinne, Ausdruck einer freien Meinungsäußerung. Und selbstverständlich müsse "das Recht zu beleidigen" Grenzen haben. Diese würden durch das Gesetz gezogen. Wer sich beleidigt fühle, möge bitte schön klagen. Doch die Grundlage für diese Auseinandersetzung, die Spielregeln der westlichen Gesellschaft, die dürften nicht zur Debatte stehen, verlangte Ayaan Hirsi Ali.

Vielleicht muss man ihre Lebensgeschichte kennen, um zu verstehen, warum es in ihrem Weltbild trotz ihres emphatischen Bekenntnis zum kritischen Denken blinde Flecken gibt. "Es gibt keinen Antiislamismus", sagt sie zum Beispiel. Da muss man ihr widersprechen. Doch, den gibt es. Das beweisen zum Beispiel Einwanderungstests, die sich ausschließlich an Muslime richten, oder die verstärkte Kontrolle – sei es an Flughäfen oder an Grenzen – die vor allem Menschen treffen, die irgendwie muslimisch aussehen. Und die Auseinandersetzung, die wir derzeit erleben, ist kein reiner Kampf der Ideen. Sie hat auch einen sozialen und ethnischen Hinterrund. Auch. Doch einschränken liegt Ayaan Hirsi Ali eben nicht. Das ist unter dem Druck, unter dem sie lebt, vielleicht verständlich. Gleichzeitig macht es sie aber auch zur willkommenen Kronzeugin all derer, die an einer differenzierten Auseinandersetzung über den Islam wenig, an der Bestärkung von Vorurteilen jedoch sehr interessiert sind.