Bildung, Integration, Arbeitslosigkeit, Fußball: Wenn es eine Liste mit den derzeit am meisten diskutierten Themen gäbe, wären die genannten Begriffe sicherlich ganz oben zu finden. Wer jedoch bis vor kurzem nach einem Projekt suchte, das alle vier Aspekte miteinander verknüpft, wäre nicht so leicht fündig geworden. Warum kann man aber nicht versuchen, über den Weg der jugendlichen Fußballbegeisterung die Deutschkenntnisse von Schülern zu verbessern, sie dadurch stärker in die Gesellschaft integrieren und ihnen damit bessere Ausbildungschancen vermitteln? Man kann.

Das Projekt "Die Welt spricht Fußball" will die Schüler dort abholen, wo sie ohnehin ihre Freizeit verbringen: auf dem Fußballplatz. Anfang März startet in Nürnberg ein Kurs, in dem 22 Fünft- und Sechstklässler auf spielerische Weise mit der deutschen Sprache vertraut gemacht werden sollen. Aus der Nürnberger Scharrer-Hauptschule wurden 16 Jungen und sechs Mädchen ausgewählt, die drei Monate lang gemeinsam von Deutsch- und Sportlehrern unterrichtet werden. Ausgedacht hat sich das Projekt der Dortmunder Germanist Uwe Wiemann. Der 36-Jährige besitzt reichlich Erfahrung, was die Verbindung von Fußball und Sprache betrifft. Zusammen mit den Profifußballern von Bayer Leverkusen hat er seit 2001 das Lehrwerk "Deutsch für Ballkünstler" entwickelt, das inzwischen von mehreren Bundesliga-Vereinen übernommen wurde.

Die Ausgangslage in der Nürnberger Scharrer-Hauptschule ist dagegen eine völlig andere. Hier geht es nicht um erwachsene Fußball-Millionäre, sondern um Kinder aus einkommensschwachen Familien von Migranten und Spätaussiedlern. Peter Stein, dessen "Verein zur Förderung von Bildung und Ausbildung" (VBA) den Kurs anbietet, zeigte sich entsetzt über die Deutschkenntnisse der Schüler. Seitdem er den Sprachtest der Hauptschüler ausgewertet hat, wundert ihn nicht mehr, warum Deutschland in den Pisa-Studien so schlecht abschneidet. "Da wächst eine verlorene Generation heran", sagt Stein, "da die Kinder mit ihren schlechten Deutschkenntnissen auf dem Arbeitsmarkt wenig Chancen haben werden".

Der außerschulische Sprachkurs soll den Schülern daher elementare Sprachkenntnisse vermitteln. "Der Ball fliegt ÜBER das Tor." Oder, wenn der Spieler besser zielt: "Der Stürmer schießt dem Torwart DURCH die Beine." Mit einfachen Fußballgeschichten sollen die Kinder zum Lesen animiert werden. Das ursprüngliche Konzept, das für ältere Jahrgangsstufen gedacht war, sah noch die Lektüre von Sportreportagen oder gar Fußballgedichten von Ror Wolf vor. Soweit wird es in diesem ersten Versuch jedoch nicht kommen.
Der Kurs selbst besteht aus zwölf Einheiten à 120 Minuten und findet einmal pro Woche statt. Zwei Drittel der Unterrichtszeit widmen die beiden Lehrer dem Sprachtraining. Dann geht es raus auf den Platz. Dort dürfen die Kinder unter Aufsicht von Sportlehrern zeigen, ob sie den Unterschied zwischen in das Tor und neben das Tor verstanden haben. Aber auch die Deutschlehrer sind auf dem Platz mit dabei und achten darauf, dass ihr Lernstoff mit den Füßen korrekt umgesetzt wird. Bei Erfolg darf gejubelt werden: "Ich habe in das Tor geschossen!"

Kein Wunder, dass bei den Kindern die Begeisterung groß war, an dem Projekt teilnehmen zu dürfen. Damit ist bereits ein wesentlicher Punkt des Konzeptes aufgegangen: Die Kinder sollen Spaß am Lernen bekommen und eine neue Motivation erhalten, sich mit den Feinheiten der deutschen Sprache auseinanderzusetzen. Ein zweiter Aspekt des Programms besteht in der Verbindung von Bewegung und Lernen. Wiemann verweist auf Studien, die die positiven Auswirkungen von körperlicher Bewegung auf intellektuelle Leistungen bestätigen. "Jugendliche, die angesichts schwacher schulischer Leistungen häufig Frustrationen und Enttäuschungen erleben und deshalb möglicherweise innerhalb einer Lerngruppe isoliert sind, können bei interaktiven Bewegungsspielen ein Gefühl der Zugehörigkeit erfahren und ihr Selbstwertgefühl steigern", heißt es in dem 20-seitigen Konzeptentwurf.

Diese Überlegungen haben auch das Nürnberger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) dazu bewogen, das Pilotprojekt finanziell zu unterstützen. Zusammen mit der Stadt Nürnberg und dem Bayerischen Landessportverband stellte das Amt 40.000 Euro bereit. Eine Anschubfinanzierung, um die Entwicklung von Lehrmaterial zu ermöglichen. Nach Einschätzung von VBA-Leiter Stein kostet ein Folgekurs nur noch 8000 Euro. Ob das Projekt viele Nachahmer findet, hängt natürlich von den nachweisbaren Lernerfolgen der Schüler ab.

Auf diese Ergebnisse ist auch Manfred Silberhorn sehr gespannt. Der stellvertretende Schulleiter der Scharrer-Hauptschule würde es bereits als Erfolg ansehen, wenn sich die Schüler um eine einzige Schulnote verbesserten. Um dies zu kontrollieren, sollen sich die Fachlehrer alle vier Wochen mit den Kursleitern austauschen und über die Lernfortschritte ihrer Schüler berichten. Silberhorn räumt ein, dass selbst die Deutschkenntnisse seiner Schulabgänger erschreckend gering seien. "Wir gehen Kino" oder "Wir treffen uns Bahnhof" seien typische Redewendungen, die inzwischen schon von deutschen Schülern nachgeahmt würden.

Auch die Initiatoren stellen nicht zu hohe Erwartungen an das Projekt. "Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Uwe Wiemann, der die Sprachkenntnisse von Migrantenkindern und Aussiedlern aus seiner Arbeit als Deutschlehrer kennt. Im Unterrichtsalltag träten so starke Defizite zutage, dass man fast bei Null anfangen müsse. "Aber es ist schon viel geholfen, wenn die Kinder wenigstens ein bisschen Sprachgefühl entwickeln", sagt Wiemann.
Wenn das Konzept erfolgreich ist, – was sich nach zwei bis drei Kursen herausstellen dürfte –, wird an eine Ausweitung des Projekts gedacht. Das Bundesamt für Migration hält es auch für möglich, das Konzept auf andere Sportarten oder Schulfächer auszudehnen. Dass unter den 22 Kindern nur sechs Mädchen sind, hat aber nichts mit deren mangelnder Fußballbegeisterung zu tun. Die Schülerinnen hatten in dem Sprachtest einfach zu gut abgeschnitten.