Dieses Thema wird von den ZEIT online-Lesern intensiv diskutiertDer Bundestag hat im Streit um die Mohammed-Karikaturen zum friedlichen Miteinander der Kulturen aufgerufen. "Wenn wir als Deutscher Bundestag einen Beitrag zur Deeskalation leisten wollen, dann ist das nun die Stunde des Dialogs", sagte Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn am Freitag in einer von seiner Partei beantragten Aktuellen Stunde. Redner aller Parteien verurteilten die Ausschreitungen in mehreren muslimischen Ländern. Der SPD-Abgeordnete Niels Annen wandte sich wie die Grünen gegen die Forderungen, Botschaften in den betroffenen Ländern zu schließen - das sei "kontraproduktiv".Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sagte, Moslems in Deutschland und anderen europäischen Staaten müssten die dort geltenden Regeln akzeptieren. Die Toleranz und der Respekt gegenüber religiösen Gefühlen müssten auch in der islamischen Welt gelten - das sei keine "Einbahnstraße". FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt betonte, die arabische Welt müsse die Schärfe der Pressefreiheit ertragen: "Wir sind nicht zum Schweigen verurteilt über unseren eigenen Standpunkt, nur weil andere sagen, sie fühlten sich dadurch verletzt." Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse sagte, zur Meinungsfreiheit gehöre auch, "dass man ihren dummen, unsensiblen, ja missbräuchlichen Gebrauch kritisieren kann und kritisieren muss, wenn er zu solche schlimmen Wirkungen führt".Einhellig hoben Redner aller Parteien die Bedeutung der Pressefreiheit hervor. Vor allem SPD und Grüne verbanden dies aber mit Kritik. "Verantwortungsvoller Umgang mit der Pressefreiheit sieht anders aus, als es diese dänische Zeitung an den Tag gelegt hat", sagte der SPD-Innenexperte Sebastian Edathy. So sei die Veröffentlichung der Karikaturen zwar zulässig gewesen, "aber zugleich respektlos".Erstmals fanden am Freitag auch in Deutschland Demonstrationen gegen die Karikaturen statt. Rund 200 Demonstranten zogen friedlich durch die Kieler Innenstadt und riefen zu einem Dialog der Kulturen auf. Zu dem Protestzug hatte die arabische Gesellschaft in Kiel aufgerufen. In Berlin wollen am Samstag etwa 500 Menschen vor der dänischen Botschaft protestieren; in Düsseldorf werden laut Polizei etwa 1000 Demonstranten vor dem dänischen Honorarkonsulat erwartet.Unterdessen forderten dänische Bürger in einem im Internet veröffentlichten offenen Brief eine Entschuldigung von der Zeitung Jyllands Posten. Das Schreiben wurde bereits von rund 2400 dänischen Bürgern "verschiedener politischer und religiöser Couleur" unterzeichnet. "Wir wollen in Frieden leben mit der islamischen Welt", hieß es in dem auf dänisch, englisch und arabisch verfassten Brief "Ein anderes Dänemark". "Auch wenn ich Däne bin, ich bin nicht dafür verantwortlich, was eine private dänische Zeitung veröffentlicht", hieß es weiter.In den muslimischen Ländern wurden die Proteste am Freitag fortgesetzt. Sie blieben jedoch weitgehend friedlich und flauten im Vergleich zu den Massendemonstrationen der Vortage ab. Nach den traditionellen Freitagsgebeten machten in asiatischen und arabischen Ländern Tausende von Muslimen ihrem Ärger Luft. In Iran, Jordanien, Malaysia, Sri Lanka, Afghanistan, Pakistan, Indien, Ägypten und im Gazastreifen gingen wieder zehntausende Menschen auf die Straßen. Lediglich in Bangladesch kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Dabei wurden mindestens 50 Menschen verletzt. Vor der dänischen Botschaft in Malaysia versammelten sich nach Polizeiangaben rund 2000 Moslems, die Menge skandierte Parolen wie "Gott ist mächtig", "Nieder mit Dänemark". In Bangladesch demonstrierten rund 20.000 Menschen. Ein Aufgebot von etwa 4000 Polizisten hinderte sie jedoch daran, bis zur dänischen Botschaft vorzudringen. Bei der bislang größten Kundgebung in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad zogen rund 4000 Menschen begleitet von einem großen Polizeiaufgebot zum größten Einkaufszentrum der Stadt. Auch in der östlichen Stadt Lahore gab es nahe dem US-Konsulat lautstarke Proteste, in deren Verlauf aufgebrachte Moslems dänische, norwegische und französische Flaggen verbrannten. In der indischen Hauptstadt Neu Delhi zogen tausende Moslems durch die Straßen und riefen Parolen wie "Tod Dänemark".Der malaysische Ministerpräsident Abdullah Ahmad Badawi rief am Freitag auf eine Konferenz in Kuala Lumpur zur Versöhnung auf. Gleichzeitig kritisiert er die Haltung des Westens. "Der Westen sollte den Islam in der Weise behandeln, in der er selbst behandelt werden will und umgekehrt", sagte Abdullah bei der zweitägigen Veranstaltung, wo hunderte muslimischen Politiker, Religionsvertreter und Wissenschaftler über die Verständigungsprobleme zwischen moslemischen Ländern und dem Westen beraten.Abdullah, der als Vertreter eines gemäßigten Islam gilt, beklagte die entstandene Kluft zwischen der westlichen Welt und dem Islam, die eine "Verteufelung des Islam" zur Folge gehabt habe. Moslems würden für "Sympathisanten des Terrorismus" gehalten. Das Vorgehen gegen "so genannten islamischen Terroristen" habe die Lage verschärft. Aber auch die "sinnlose Gewalt" von Extremisten habe "die Dinge verschlimmert". Das "Verspotten von Religionen, egal von welcher Seite", verurteilte Abdullah als inakzeptabel.Der EU-Chefdiplomat Javier Solana will sich in der kommenden Woche bei einer Reise durch mehrere islamische Staaten um eine Entschärfung der Krise bemühen. Nach Angaben einer Sprecherin vom Donnerstag in Brüssel wird er vier Tage lang Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien und die Palästinenserbehörde besuchen. Solana stehe auch in Verbindung mit der Arabischen Liga und die Organisation der Islamischen Konferenz. Ein Zusammenbruch der Kommunikation zwischen EU und islamischer Welt müsse unbedingt verhindert werden. Solana wolle die Botschaft vermitteln, dass die EU den Ärger in der islamischen Welt über die Karikaturen verstehe. Doch sei Gewalt "nicht die richtige Reaktion", hieß es.Auch auf dem NATO-Treffen in Sizilien wurde die Auseinandersetzung mit dem Islam erörtet. Als "politisches Signal" bezeichnete NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer am Freitag eine Begegnung mit Vertretern der Verteidigungsministerien von Ägypten, Algerien, Israel, Jordanien, Mauretanien, Marokko und Tunesien. "Das war ein Zeichen für wachsendes Vertrauen." Allerdings waren nur Israel und Tunesien direkt mit ihren Verteidigungsministern vertreten. Die NATO-Minister bemühten sich nach Worten Jungs um eine "Deeskalation" des Streits um die Karikaturen.Der russische Präsident Wladimir Putin und der spanische Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero mahnten zur Mäßigung. Jegliche Art von Provokation müsse vermieden und ein Dialog der unterschiedlichen Religionen gefördert werden, sagte Putin in Madrid auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Zapatero.Der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen betonte, er stehe einer Initiative mit der Türkei als Mittler beim Streit um die Mohammed-Karikaturen positiv gegenüber. Ein Sprecher des Regierungschefs erklärte, er sehe diese Idee "außerordentlich positiv". Außenminister Frank-Walter Steinmeier will Anfang kommender Woche bei einem Türkei-Besuch mit der Regierung in Ankara über das Thema sprechen. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan rief indes Staatsmänner in aller Welt dazu auf, zu einem Abbau der Spannungen beizutragen. Die dänische Zeitung Jyllands-Posten schickte ihren Kulturchef Flemming Rose am Donnerstag in einen längeren Zwangsurlaub. Das Blatt reagierte damit auf zwei Ankündigungen Roses vom Vortag, wonach Jyllands-Posten demnächst auch Karikaturen mit Jesus und Juden sowie in Iran geplanten Holocaust-Karikaturen veröffentlichen werde. Die Chefredaktion hatte beide Ankündigungen umgehend im eigenen Blatt dementiert. Sie begründete den Zwangsurlaub für den Kulturchef mit dem ungeheuren Druck auf Rose in den vergangenen Wochen. Rose war der Initiator der Mohammed-Zeichnungen Ende September. Er verteidigte die Aktion als den Versuch, eine angeblich zunehmende Tendenz zur Selbstzensur in Medien gegenüber dem Islam auszutesten.