Eigentlich wollten wir Salsa lernen. Das klingt verheißungsvoll, man spürt das Leben, lacht, schwitzt, tanzt mit heißblütigen Frauen (oder Männern). Was für ein Kontrapunkt zum Alltag in Nordfriesland. Salsa wird in Husum aber nicht gelehrt. Dafür bietet die Volkshochschule Orientalischen Tanz, Stufe II. Und es gibt einen Tangomessias, der dienstäglich mit Schuhtäschchen und iPod anreist, um Tango in Wort und Schritt zu verkünden. Mit gedämpfter Begeisterung begannen wir auf den Dielen des ehemaligen Hafenspeichers – Nordfrieslands kulturelles Zentrum - Tango zu tanzen.

Erste Überraschung: Tango ist nicht Tango. Wir kannten nur Tanzschultango. Da geht’s zackig Wipp-Wapp-Wupp. Man wirft den Kopf hin und her, als würde ein unsichtbarer Chiropraktiker dran reißen. Dazu besingt Rudi Schuricke die Caprifischer. Verständlich, dass nur wenige Menschen daran Freude haben. Der wahre Tango ist Tango Argentino. Da gibt es auch neben Astor Piazzolla viele Klassiker und zunehmend Modernes. Im Radio wird dieser Elektrotango allenfalls im Deutschlandfunk gespielt, nachts um halb drei.

Tango ist Gehen, betet unser Messias. Stimmt. Anders als bei Standardtänzen ist die Bewegung kaum gekünstelt. Den Schritten liegt eine zwingende Logik inne, aber das beginne ich – vier Jahre nach meiner ersten Tangostunde – erst allmählich zu verstehen. Im Gegensatz zu anderen Tänzen scheint mir ein vermeintlich angeborenes tänzerisches Talent beim Tango kaum bedeutsam. Tango hätte deshalb das Zeug, ein Volkstanz zu werden, der er allerdings selbst in Argentinien nicht ist.

Es gibt einen guten Grund, warum nur wenige Tango tanzen: Tango ist schwer. Er setzt sich nicht aus längeren Schrittfolgen zusammen wie die Standardtänze oder der Salsa, sondern aus kleinsten Schrittkombinationen. Diese Variantenfülle hält den immerfort führenden Mann auf Trab. Unablässig überlegt er, welche Schritte angesichts einer sich öffnenden Lücke zwischen anderen Paaren, des noch unbekannten tänzerischen Könnens seiner Partnerin oder einer näherkommenden Wand möglich, sinnvoll oder gar elegant sind. Er kalkuliert, welche Konsequenzen dies für die folgenden Schritte von ihm und ihr hat und wie er seine Absichten durch eine kurze Gewichtsverlagerung oder sanften Druck auf ihre Schulter vermitteln wird. Sich ansehen ist nicht: die Körper sprechen miteinander.

Diese ständige Konzentration (Er: Was tanz' ich jetzt? Sie: Was will er jetzt?) hat Folgen. Tangotänzer sind mit einem Ernst bei der Sache, der Nichttänzer abschreckt. Während beim Discofox erst nach drei Gläschen der rechte Schwung aufkommt, kann ich Tango nur nüchtern tanzen. Tangotänzer sind daher bei Gastwirten wenig beliebt. Mit 1,5 Litern Apfelschorle haben sie einen ganzen Abend lang prima Stimmung.

Bei der Milonga, so heißen die Tango-Tanzveranstaltungen, halten sich die Tänzer an ungeschriebene Regeln, die man bei der akademisch-selbstbewussten Klientel nicht vermuten würde: Der Mann fordert die Dame auf. Nach drei Tänzen führt er sie zum Platz zurück. Klingt schlimmer als Tanzschule, hat aber Vorteile, weil sich immer alle richtig verhalten können – aber nicht müssen. Erstaunlicherweise folgen viele Frauen dieser Übereinkunft, obwohl sie bei nahezu jeder Milonga deutlich in der Überzahl sind. (Auf Männer! Tanzt Tango!).