In den Augen vieler Experten war es nur eine Frage der Zeit, doch das macht die neuesten Nachrichten aus Nigeria nicht weniger beängstigend: Nachdem die Weltgesundheitsorganisation WHO am Mittwoch den ersten Fall von Vogelgrippe auf dem afrikanischen Kontinent bestätigt hatte, meldeten die nigerianischen Behörden am Donnerstag bereits zwei weitere Ausbrüche. Das Vogelgrippevirus H5N1 hat Afrika demnach nicht nur erreicht, es breitet sich dort offenbar auch schon aus. Es sind die ersten Fälle von Vogelgrippe auf dem Kontinent. Falls es dem Virus gelingt, von Nigeria auf Nachbarstaaten überzugreifen, droht Afrika eine Katastrophe.

Das hatte am Mittwoch auch die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO betont. Sie fürchtet den Beginn einer Epidemie in Afrika. Samuel Jutzi, Direktor der FAO-Abteilung für Tiergesundheit, sagte in Rom, falls die Situation in Nigeria außer Kontrolle gerate, werde das verheerende Auswirkungen auf die Geflügelpopulationen haben - und die Lebensgrundlage von Millionen Menschen zerstören.

Die erste der betroffenen Geflügelfarmen im Norden Nigerias hatte der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) in Paris bereits am Montag mitgeteilt, dass man 40.000 Hühner habe töten müssen. Ein anerkanntes Referenzlabor in Italien bestätigte inzwischen, dass es sich bei der Krankheitsursache um H5N1 handelt, und untersucht nun dessen genetische Verwandtschaft mit Viren aus den bekannten Epidemiegebieten. Nigerias Agrarminister Adamu Bello betonte, die Regierung habe die betroffene Farm unter Quarantäne gestellt, noch bevor das Testergebnis bekannt geworden sei. "Alle Vögel auf der Farm wurden getötet", sagte Bello. Seit dem 16. Januar sei dort eine hohe Todesrate bei Geflügel registriert worden, doch Experten hätten zunächst Vogel-Cholera als Ursache vermutet. Der Farmer hatte zunächst versucht, die Seuche mit Antibiotika in den Griff zu bekommen.     

In der vergangenen Woche hatte es aus Nigeria weitere Meldungen über eine grassierende Geflügelseuche gegeben. Wie viele dieser Fälle von dem Virus H5N1 ausgelöst wurden, ist derzeit unklar. Auch wissen die Experten nicht, woher das Virus so plötzlich gekommen ist. Wahrscheinlich hat der Erreger erneut ziehende Vogelschwärme als Vehikel genutzt, Nigeria liegt auf einer bekannten Zugroute zwischen Afrika und Südostasien. Eine andere Möglichkeit wäre nach Angaben der FAO, dass infizierte Vögel durch illegalen Handel nach Nigeria gelangt seien.     

Tatsächlich warnen Welthungerhilfe und andere Organisationen längst vor einem Übergriff der Seuche auf den afrikanischen Kontinent. Hühnerfleisch stellt vor allem für die Ärmsten vielerorts eine wichtige Handelsware, vor allem aber die einzige Quelle tierischen Eiweißes dar. Fast hinter jedem Haus und jeder Hütte flattert deshalb Federvieh herum. Sollte diese Existenzgrundlage durch eine Vogelgrippeepidemie vernichtet werden, drohe den Afrikanern "schlicht eine Katastrophe", das hatte die Deutsche Welthungerhilfe schon im Dezember im Gespräch mit ZEIT online gesagt. Nigeria hat neben seinen Millionen privaten Hühnerhaltern außerdem eine bedeutende kommerzielle Geflügelwirtschaft, die im Zuge einer unkontrollierte Epidemie vermutlich unterginge.     

Bedrohlich sind die Ausbrüche allerdings nicht nur für das Geflügel: Der Kontakt zwischen Federvieh und Menschen ist in Afrika extrem eng. Breitet sich das Virus von den Geflügelfarmen auch auf die privaten Hühnerhaltungen aus, dürften Infektionen von Menschen nicht mehr zu verhindern sein. In Südostasien und der Türkei hat die Ansteckung mit dem Vogelgrippeerreger bisher 88 Menschen das Leben gekostet. Fast jeder der insgesamt 165 Infizierten hatte engen Umgang mit kranken Vögeln gehabt. Bisher sind zwar noch keine Übertragungen von Mensch zu Mensch beobachtet worden, doch je mehr Menschen sich mit H5N1 anstecken, desto mehr Gelegenheit bekommtz das Virus, auch diese genetische Hürde noch zu nehmen. Wie alle Grippeviren verändert sich das Vogelgrippevirus im Zuge seiner Vermehrung quasi ohne Unterlass.     

Auch diese Perspektive lässt die Landwirtschaftsexperten der Vereinten Nationen darauf drängen, im Fall Nigeria nun möglichst schnell zu handeln. "Es ist wichtig, dass die lokalen - und auch nationalen Behörden benachbarter Länder - sehr genau auf mögliche Ausbrüche der Vogelgrippe bei Hühnern und anderen Vögeln achten", sagte Jutzi. Es sei überlebenswichtig, dass alle Häufungen von Todesfällen bei Geflügel gemeldet und untersucht würden. Klar ist aber auch, dass die afrikanischen Tierärzte und Behörden bei dieser Aufgabe auf internationale Unterstützung angewiesen sind. Die OIE und die FAO wollen Experten nach Nigeria schicken, um die Behörden bei der Seuchenbekämpfung zu unterstützen. Nigeria ist Mitglied des neuen Westafrikanischen Netzwerks zur Vogelgrippe-Beobachtung, das von der FAO in Zusammenarbeit mit der Afrikanischen Union gemanagt wird.