Neun Tote Schwäne haben am späten Samstag für Aufsehen in der Europäischen Union gesorgt: Die je drei im äußersten Süden von Italien, in Nordgriechenland und nahe der rumänischen Grenze Bulgariens gefundenen Tiere waren an dem Vogelgrippevirus H5N1 verendet. Italien und Griechenland sind die ersten EU-Mitgliedsstaaten, die Infektionen mit dem gefährlichen Erreger bestätigen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf rief am Abend zu erhöhter Aufmerksamkeit im Rahmen der bestehenden Überwachungsmaßnahmen auf. Gleichzeitig stellte ein Sprecher der WHO klar, dass es sich bei der Vogelgrippe noch immer um eine Tierseuche handele. Die Organisation sehe keinen Anlass, die Pandemiewarnstufe zu erhöhen. Derzeit gilt Warnstufe drei auf einer sechsstufigen Skala.

Die toten Schwäne treffen die EU nur wenige Wochen, nachdem EU-Anwärter Türkei ein kurzes, aber beklemmendes Vogelgrippeinferno durchlebte, im Zuge dessen zahllose Hühner starben. Auch mindestens 12 Menschen wurden infiziert, vier Kinder starben. Die türkische Regierung und Europa reagierten mit Tatkraft auf den unverhofften Seuchenausbruch. Noch immer gelten strenge Einfuhrkontrollen und - verbote, unter anderem veranlasste auch Deutschland Hilfsmaßnahmen für eine wirksame Bekämpfung der Seuche vor Ort. Mittlerweile treten keine weiteren Infektionen bei Menschen auf, auch die Situation in den Geflügelbeständen scheint unter Kontrolle. Von wegen Nord-Süd: Vogelzugrouten sind alles andere als geradlinig. Sie vernetzen alle Kontinente miteinander. Klicken Sie auf den Ausschnitt!© Science/Wetlands International BILD

Verschwunden ist H5N1 aber noch lange nicht: Nachrichtenagenturen berichteten in dieser Woche über tote Vogelscharen in Aserbaidschan, kranke Tiere im Süden des Irak und neue Verdachtsfälle in Rumänien. China und Indonesien melden neue Infektionen bei Menschen. Und spätestens seit dem letztem Freitag ist klar, dass der Erreger längst auch einen noch viel größeren, gefährlicheren Satz gemacht hat, als den Richtung Europa. Wie aus dem Nichts ist das Virus nun in Nigeria aufgetaucht - im Westen Afrikas, und nicht etwa, wie man hätte erwarten sollen, an der Asien zugewandten Osthälfte des Kontinents. Zigtausende Hühner sind bereits krepiert, und offenbar breitet sich die Tierseuche wie ein Lauffeuer im Land aus. Erste Menschen werden auf das Virus getestet. Weltgesundheitsorganisation, Vereinte Nationen und die Weltorganisation für Tiergesundheit sind höchst alarmiert, eine Hühnerpestepidemie können sich die Entwicklungsländer des afrikanischen Kontinents noch weit weniger leisten als das wirtschaftlich stärkere Südostasien - oder das vergleichsweise gut vorbereitete Europa.

Wie das Virus nach Südeuropa und so unvermittelt auch nach Westafrika gelangen konnte, bleibt noch unklar. Die toten Schwäne in Griechenland seien in Folge eines Kälteeinbruchs möglicherweise auf dem Weg nach Afrika gewesen, sagte der Stellvertreter des griechischen Agrarminister am Samstag. Vor allem die Quelle der Ausbrüche in Nigeria bleibt unbekannt. Es gibt illegalen Handel, auch mit Geflügel, der Erreger könnte auf dem Schleichweg ins Land gekommen sein. Aber die Karte mit den Flugrouten der Zugvögel lässt eher vermuten, dass das Virus seine weite Reise auf dem Luftweg getan hat: Wildenten, Störche, Schwäne und anderen gefiederte Interkontinentalreisende tragen den Vogelgrippe-Erreger über tausende Kilometer rund um den Globus. Für sie selbst ist das Virus kaum gefährlich: Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass infizierte Wildvögel - vor allem Enten - oft nicht krank werden. Dennoch geben sie den Erreger weiter.

Die neuen Fälle auf nun drei betroffenen Kontinenten werfen Fragen auf. Eine davon wurde bereits am Mittwoch von der Deutschen Presseagentur erörtert, nämlich, ob das Vogelgrippevirus mit Zugvögeln aus Afrika nun bald auch nach Deutschland kommen werde. Ornithologe Franz Baerlein aus Wilhelmshaven schätzt dieses Risiko laut dpa als sehr gering ein. Für jene afrikanischen Länder, die entlang der afrikanisch-asiatischen Zugrouten liegen, ist das Risiko aber mitnichten klein. Falls H5N1 tatsächlich mit ziehenden Vogelscharen nach Nigeria kam: was ist mit jenen afrikanischen Ländern, die diese Vögel zuvor durchquert haben? Ist das Virus dort vielleicht schon angekommen und nur noch nicht entdeckt worden?

Diese Fragen zu beantworten dürfte nicht einfach sein, und doch wären Antworten essentiell: Denn nicht nur die Nahrungsquelle Huhn ist in Afrika gefährdet. Der enge Kontakt der Afrikaner mit Geflügel könnte zu zahlreichen Infektionen auch bei Menschen führen. Amerikanische Nachrichtensender berichteten am Freitag, die Nigerianer hätten das kranke Federvieh mit bloßen Händen ins Feuer geworfen. Und die Erfahrungen mit anderen Seuchenausbrüchen, zum Beispiel des Marburgfiebers in Angola, zeigen, dass es nicht trivial ist, einfachste Hygienemaßnahmen vor Ort durchzusetzen.

Wo jedoch unkontrolliert und in großer Zahl Hühner und Menschen an der Vogelgrippe erkrkanken, dort kann sich H5N1 schnell verändern. Bisher stecken sich Menschen prinzipiell nicht untereinander mit dem Virus an, sie infizieren sich vermutlich ausschließlich an krankem Geflügel. Die Mensch-zu-Mensch-Hürde ist aber wohl der letzte Schritt, den H5N1 noch nehmen müsste, um eine Pandemie mit weltweit Millionen Opfern auszulösen. Neben Südostasien, wo das Virus seit fast drei Jahren immer wieder zu Seuchenausbrüchen führt und endemisch geworden ist, wäre ein vogelgrippekrankes Afrika der zweite potentielle Brutschrank für das gefürchtete Pandemievirus.