Nun ist es also soweit: Das Vogelgrippevirus H5N1 ist in Deutschland angekommen, und zwar auf der schönen Ostseeinsel Rügen. Wie zuvor in Italien, Griechenland und Bulgarien, hat man den Erreger der Tierseuche in wilden, toten Schwänen gefunden, auf Rügen fand man vier. Außerdem soll ein Habicht an der Krankheit gestorben sein. Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer hat die Lage in Deutschland nach den ersten bekannt gewordenen Vogelgrippefällen als "sehr ernst" bezeichnet. Es gebe aber keinen Anlass zur Panik, sagte er am Mittwoch in Berlin nach einer Sitzung des "Nationalen Krisenstabs Tierseuchenbekämpfung". Bisher handele es sich um eine Tierseuche, die unter Wildvögeln vorkomme. Das Hauptrisiko liege bei Zugvögeln.

Seehofer sagte außerdem, im Kampf gegen die Vogelgrippe sei bisher getan worden, was "menschenmöglich war und ist". Die Kontrollen an den Grenzen sollen beibehalten werden. Der CSU-Politiker will ein ausnahmsloses Verbot von Geflügelmärkten und Geflügelausstellungen durchsetzen.
 
Italien, Griechenland, Österreich - überall waren es Schwäne, die in den vergangenen Tagen den Anmarsch der Vogelgrippe signalisierten. Auf der Flucht vor der Kälte flatterten sie vom Balkan nach Europa und brachten H5N1 gleich mit. Kaum dass die Türkei ihr Vogelgrippeinferno überstanden hat, scheint die Seuche nun also in ganz Europa um sich zu greifen.

Werden jetzt auch hier unzählige Hühner sterben? Und vor allem: Wird es auch in Deutschland bald die ersten toten Menschen geben? Die Fragen sind nicht neu. Sie verfolgen uns, seit das Virus H5N1 im vergangenen Oktober die asiatische Kontinentalklippe überquerte und Deutschland sämtliche Tamiflu-Vorräte der Apotheken aufkaufte.

Und es ist anzunehmen, dass die Stimmung jetzt von zahllosen "Verdachtsfällen" aufgeheizt werden wird - Verdachtsfälle, unter die dieser Tage jeder Vogel fällt, der nicht gesund und munter aus den Federn guckt. Und jeder Mensch, der beim Anblick eines Huhns ein Kratzen im Hals verspürt. Waren in der Türkei nicht vier kleine Kinder gestorben? Man kann sich die Szenen bereits lebhaft ausmalen: Eltern zerren ihren neugierigen Nachwuchs von Ententeichen fort, Spaziergänger halten gehetzt nach gefiederten Angreifern Ausschau, Ostseetouristen wagen sich nicht mehr aus ihren Hotelzimmern, weil am Strand etwas gesichtet wurde, das aussah wie ein toter Vogel - und Hühnchen wird geschmäht wie einst nur Rindfleisch. Man könnte sich am Ende mit diesem Virus infizieren, dem "auch für den Menschen gefährlichen" H5N1 - so formulieren die Medien es doch immer wieder.

Doch die Vereinten Nationen warnen seit dem ersten toten Schwan nicht etwa vor kranken Hühnern, sondern vor übertriebener Panik. Tierseuchenexperten versichern sogar, dass von Wildvögeln im Allgemeinen derzeit keine Gefahr für den Menschen ausgeht. Tatsächlich hat sich bis auf ein paar tote Schwäne nichts an der Vogelgrippesituation geändert: Dass das Virus irgendwann auch Deutschland erreichen würde, ist nicht erst seit letzter Woche klar. Entsprechende Maßnahmen sind längst geplant und werden nun auch umgesetzt. Bundesagrarminister Seehofer hatte die Neuauflage der Stallpflicht schon vor dem Fund auf die kommende Woche vorgezogen, um das Geflügel vor infizierten Wildvögeln zu schützen. Damit, und mit einer verstärkten Überwachung sämtlicher Tiere, ob freilebend oder im Mastbetrieb, ist auch schon alles derzeit Machbare in die Wege geleitet. Und alles Nötige getan.

Denn noch immer geht es hier nicht um ein für die Menschheit bedrohliches Pandemievirus. Es geht um eine Tierseuche, die unter bestimmten Umständen auch Menschen treffen kann - dann, wenn diese auf das Gröbste gegen die Prinzipien der Hygiene verstoßen. Der deutsche Normalbürger aber schlachtet keine Hühner in seiner Küche und er lässt seine Kinder auch nicht mit den Köpfen toter Hähne spielen. Das Risiko, sich in der Bundesrepublik mit H5N1 zu infizieren, wird für die meisten Menschen auch dann verschwindend klein bleiben, sollte sich das Virus in deutsche Geflügelbestände einnisten. Allein die Veterinäre und Hühnerbauern müssen zu verschärften Vorsichtsmaßnahmen greifen, für den Fall, dass sie mit kranken Tieren in Kontakt kommen.

Die Angst, sie lässt uns noch immer Hühnerseuche mit Pandemie verwechseln. Doch für eine Pandemie ist ein noch aggressiveres Virus nötig, eines, das mit Leichtigkeit von Mensch zu Mensch übertragen wird. Dieses Virus könnte durch Mutation oder die Vermischung mit einem anderen Grippekeim auch aus H5N1 entstehen. Je massenhafter sich der Erreger vermehrt und je mehr Kontakt er zu Menschen hat, desto wahrscheinlicher wird die Verwandlung des Hühnerkillers in einen Menschenmörder. Die Furcht vor dieser Metamorphose ist berechtigt, denn die massenhafte Vermehrung und die Nähe zu Menschen ist Realität. Seit Jahren kämpft Südostasien verzweifelt und wenig erfolgreich gegen die Vogelgrippe und seit kurzem droht derselbe Krieg auch in Afrika auszubrechen.