Es  ist erst der 92. Tag der Großen Koalition, aber weil Volker Kauder (CDU) und Peter Struck (SPD) so wenig freie Termine haben und die Medien ja alle Gedenktage ohnehin ein bisschen vor dem eigentlichen Datum begehen, haben die beiden Fraktionsvorsitzenden ihre Bilanz der ersten 100 Regierungstage eben schon am Mittwoch vorgelegt.

Wie schon zuvor die Kanzlerin Angela Merkel zog Kauder ein ausgesprochen positives Fazit. Die Koalition habe bereits bedeutende Schritte unternommen, sagte er. So sei der Haushalt 2006 aufgestellt worden, das 25-Milliarden-Konjunkturprogramm ebenso auf den Weg gebracht wie ein Gesetz gegen Steuermissbrauch. Und nicht zuletzt habe man eine Einigung über die Föderalismusreform erzielt.

Als besonderen Verdienst der Großen Koalition lobte Kauder, dass sich unter der Führung des Duos  Merkel-Müntefering die Stimmung im Land grundlegend geändert habe. Die Menschen hätten wieder Vertrauen in die Politik. Auch der neue pragmatische Regierungsstil, bei dem möglichst wenig versprochen werde, komme gut an. Als Ex-Generalsekretär, der mit dem politischen Gegner ja selbst nicht eben sanft umgegangen sei, sei er erstaunt darüber, wie gut man nun miteinander klar komme. Und weil Kauder vor lauter Begeisterung kaum an sich halten konnte, fügte er noch hinzu, dass er in den ersten 100 Tagen gelernt habe, dass sein Kollege Struck zwar ein Sozi, aber eben doch ein anständiger Kerl sei.

Struck allerdings konnte mit diesem Schmusekurs nicht allzu viel anfangen. Er hätte lieber mit Rot-Grün regiert, blaffte er zurück, das sei aber leider nicht möglich gewesen. Stärker als Kauder hob er die Probleme hervor. Er betonte die Differenzen, die es vor allem in der Gesundheitspolitik noch gebe, und tat Kauder auch nicht den Gefallen, die von der Union präferierte Kopfpauschale wie von diesem gewünscht als "solidarische Gesundheitsprämie" zu bezeichnen. Zwar betonte Struck, Streitigkeiten wie etwa über das Luftsicherheitsgesetz oder den Einsatz der Bundeswehr im Inneren seien lediglich einem "konstruktiven Wettstreit um die besseren Ideen" geschuldet, räumte aber ein, dass es auf der "Arbeitsebene Anlaufschwierigkeiten" gebe. Bei der Föderalismusreform sprach sich Struck für eine gründliche Diskussion in den parlamentarischen Gremien aus, bei der man sich nicht unter Zeitdruck setzen lassen dürfe, während Kauder auf die Einhaltung des Zeitrahmens und die Umsetzung zum 1.1.2007 bestand.

Eher nebenbei wurde so erneut deutlich, wie viel schwieriger die Große Koalition für die SPD ist als für die CDU. Letztere streicht bisher den größeren Teil des gemeinsamen Erfolgs ein. Selbst den Vorwurf der "Sozialdemokratisierung" ihres Programms können die Schwarzen da ganz gelassen aufnehmen. Wenn der rheinland-pfälzische SPD-Ministerpräsident Kurt Beck jetzt sage, ‚so viel Sozialdemokratie war nie’, dann könne vorher wohl nicht sehr viel Sozialdemokratie gewesen sein, konterte Kauder, ohne die Breite seines Lächelns auch nur ein bisschen zurückzunehmen.

Die SPD hat es dagegen schwer. Sie schwächelt in Umfragen und sucht verzweifelt nach einem eigenen Profil. Als ein Journalist Struck danach fragt, legt Kauder dem Kollegen begütigend die Hand auf den Arm, und sagt: "Ganz ruhig bleiben". Unwahrscheinlich, dass Struck dies als Ausdruck von Wohlwollen auffasste. Die Sozialdemokraten stecken nämlich sogar in einer doppelten Zwangslage. Ist die Große Koalition erfolgreich, werden sie davon möglicherweise weniger profitieren als der Koalitionspartner, ist sie es aber nicht, verlieren beide, auch das würde sich für die SPD also kaum rechnen. Deswegen darf man Struck glauben, dass er es ernst meinte, als er sagte, dass die Große Koalition zum Erfolg verpflichtet sei, weil das Vertrauen in die Politik sonst insgesamt schwer geschädigt werde.