"Das Ziel dieses Verbrechens ist es, Zwietracht zwischen den verschiedenen Religionsgruppen zu säen." Die Einschätzung des irakischen Präsident Dschalal Talabani über den Anschlag auf das schiitische Heiligtum im nordirakischen Samarra stellt kaum ein Iraker in Frage.

Als Drahtzieher des Anschlages kommen zwei Gruppen in Frage. Zum einen stehen die sunnitischen Terroristen wie die Al-Qaida-Gruppe des Jordanier Abu Musab al-Sarqawi unter Verdacht. Die religiösen Fanatiker halten nicht nur die ausländischen Soldaten und die Vertreter der Staatsmacht für "Ungläubige", sondern auch die schiitischen Muslime. Die heiligen Stätten der Schiiten sind für diese Extremisten, die der wahhabitischen Sekte des Islams nahe stehen, Orte der Götzenanbetung.

Zweiter möglicher Täterkreis sind die Anhänger des alten Regimes von Saddam Hussein. Ihnen geht es darum, die Regierungsbildung zu verhindern - an der neuen Regierung sollen neben Schiiten und Kurden diesmal auch die wichtigsten Parteien der sunnitischen Araber beteiligt sein.

In der Tat trifft der Anschlag auf den Schrein der beiden Imame der Schiiten den Irak in einer besonders kritischen Phase. Die neue Regierung soll weniger von den religiösen Schiiten-Parteien dominiert werden als die amtierende Übergangsregierung. Washington will verhindern, dass die sunnitische Bevölkerungsminderheit ausgeschlossen wird. Bis zum Sturz von Saddam Hussein besetzten Sunniten die Schlüsselpositionen im Staat, in der Armee und in den Geheimdiensten. Mit der Einbindung der Sunniten in die Regierung verknüpft die Bush-Regierung die Hoffnung, dass sich der Volksaufstand und die Unterstützung für ausländische Terroristen abschwächen werden. So hatte am Dienstag der US-Außenamtssprecher Adam Ereli betont, die amerikanische Hilfe sei für alle Iraker gedacht, unabhängig ihrer Stammes- oder Parteienzugehörigkeit. Zuvor hatte der US-Botschafter im Irak, Zalmay Khalilzad, deutliche Warnungen an die Parteien im Irak gerichtet. Die USA würden nicht weiter Milliarden von Dollar amerikanischer Steuerzahler in Kräfte investieren, die von Sektierern geführt würden. Allerdings gab es in den vergangenen Monaten immer wieder Berichte über subversive Aktionen iranischer Geheimdienstagenten im Irak. Dass Vertreter eines religiösen Schiiten-Staates jedoch ein schiitisches Heiligtum in die Luft sprengen, ist wohl auszuschließen.

Ob der Anschlag vom Mittwoch die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten im Irak tatsächlich vergrößern wird, werden die nächsten Tage zeigen. Großajatollah Ali al-Sistani rief die Schiiten zu "friedlichen Protesten" gegen den Angriff auf das Heiligtum auf. Doch nur wenige Stunden nachdem der Sprengstoff ein großes Loch in die goldene Kuppel des Askari-Schreines gerissen hatte, explodierte in der vorwiegend von Schiiten bewohnten Hafenstadt Basra im Süd-Irak ein Sprengsatz vor einer sunnitischen Moschee.