Eine Spur aus dunkler, aufgeschütteter Blumenerde weist den Weg zum Station-Park-Club im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg. Entlang der Spur schlittern Spaziergänger auf den gefrorenen Wegen an diesem Sonntagnachmittag. Durch die mit Graffiti besprühten Stahltüren des lagerhallenartigen Gebäudes dringt Musik. Drinnen sitzen die Zuhörer auf Sitzkissen und Sofas, an Wände gelehnt oder an das Geländer der Treppe, die nach unten führt, zur Bühne.

Dort steht der Bassist Sirone mit seiner Berliner Band Concord: Saxophonist Ben Abarbanel-Wolff, Schlagzeuger Maurice Martin und Geiger Ulli Bartel. Sirone spielt mit geschlossenen Augen, ganz in der Musik versunken, tief vibrierend. Er spielt Black Horse von Ornette Coleman und einige eigene Kompositionen, unter ihnen Democracy Gone Sour und We Are Not Alone, But We Are Few. Die Scheiben sind auch von innen gefroren, Eisblumen tanzen zur Revolution, der immer noch bestehenden Aufgabe. Jetzt spielen sie Berlin Erfahrung .

Im Februar 1989 kam Sirone aus New York nach Berlin, ausgerüstet mit einem einjährigen DAAD-Kompositionsstipendium. Er ist geblieben, seit 17 Jahren nun, gemeinsam mit seiner Frau, der Schauspielerin und Dramaturgin Veronika Nowak-Jones. Sie leben in einer großen Altbauwohnung am Lausitzer Platz. Die Tür öffnet sich in einen Flur mit Bildern von John Coltrane. In Sirones Arbeitszimmer ist der Flügel an die Wand geschoben, bedeckt mit Notenpapieren.

Joy And Sadness heißt eines der Stücke, ein anderes Circle Of Relationships. Auch auf seinem Schreibtisch, einem schwarzen, rechteckigen Holztisch, liegen mit Bleistift beschriebene Notenpapiere. Neben dem Flügel ragt sein Bass auf, ein Angel. Sein erster Angel, erzählt Sirone, sei ein Geschenk von Ornette Coleman gewesen, 1975 in Paris. Der sei ihm Jahre später gestohlen worden, aus der Werkstatt eines Instrumentenbauers, der darüber so bestürzt gewesen sei, dass er ihm einen neuen Bass schenkte, einen New Angel.

Zwei Katzen schleichen durch die Wohnung, die angefüllt ist mit Büchern und Kunst und mit Fotos. Von seiner Familie, seinen Geschwistern und seiner Tochter. Die ihn mit Albert Ayler zeigen, mit George Adams. Erinnerungen aus einer früheren Zeit. Seine Band Concord hat Sirone vor zwei Jahren gegründet. Aber es sei schwer, die Dinge am Laufen zu halten.

1971 war er Mitbegründer des Revolutionary Ensemble, mit dem Schlagzeuger Jerome Cooper und dem Geiger Leroy Jenkins. Sie hätten sich regelmäßig zum Üben getroffen, jeden Montag, Mittwoch und Freitag, von elf bis vierzehn Uhr. Sie seien so streng mit sich selbst gewesen, so ernsthaft, dass er beide erst um Erlaubnis gefragt habe, bevor er mit Ornette Coleman auf Tournee gegangen sei. Das würde so heute nicht mehr gehen. Seine Musiker jetzt hätten so viele verschiedene Projekte, es sei nicht einfach, sie zum Proben zu versammeln. Und man brauche Auftritte, um eine Band zusammenzuhalten.

In Atlanta, Georgia, formte Sirone, damals noch als Posaunist, mit dem Saxofonisten George Adams eine Band. Sie üben in seiner Wohnung, unweit des Waschsalons, in dem er tagsüber jobbt. Eines Tages fällt ihm bei der Arbeit eine Melodie ein, eine Basslinie. Er kann den ganzen Vormittag lang an nichts anderes denken als an diese Bassmelodie, und in der Mittagspause stürzt er nach Hause, wo die Instrumente noch vom Vorabend stehen. Er probiert die Melodie aus und beschließt, Bassist zu werden. Dazu muss er seine linke Hand trainieren, die er zum Posaunespielen kaum brauchte. Die Haut auf seinen Fingerkuppen ist empfindlich, beim Spielen blutet er. "Die Hautfetzen hingen ihm von den Fingern", beschrieb die englische Fotografin und Journalistin Valerie Wilmer in ihrem Buch As Serious As Your Life.

1965 begegnet er John Coltrane. "Ich spielte zu der Zeit in der Gruppe von Pharoah Sanders. Wir traten in einem Club in New York auf, in der 3. Straße. Da kommt auf einmal Coltrane herein. Er fragte, ob er einsteigen könne. Und dann standen wir gemeinsam auf der Bühne, es war wunderschön. Zu der Zeit hatte er sich musikalisch von seinem Quartett entfernt. Von McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones. Sie verstanden ihn nicht mehr."