Vor Jahren stellten mir Freunde aus ihren Plattensammlungen Kassetten zusammen, in denen sie ihre verborgenen Schätze auf sehr persönliche Weise arrangierten. Ich hörte die Kassetten in meinem Auto auf langen Fahrten durch das Ruhrgebiet, wo ich studierte. Manche Stücke haben sich so unlöslich mit meiner damaligen Wegstrecke verbunden, dass sie heute noch von selbst aus meinem musikalischen Langzeitgedächtnis eingespielt werden, wenn ich an gewissen Ortschildern vorbeifahre. Zwischen Remscheid und Wermelskirchen ertönt in meinem Kopf noch immer die Musik von Felt und Dinosaur Jr., die ich in den späten achtziger Jahren besonders liebte.

Die Kassetten laufen längst nicht mehr, viele der alten Freunde habe ich irgendwann aus den Augen verloren. Die Übriggebliebenen haben das zeitraubende Kompilieren aufgegeben. Wie sehr ich die Kassetten vermisse, weiß ich erst, seit ich einen Ersatz gefunden habe: Ich höre Podcasts. Zuerst spielte ich sie auf einem MP3-fähigen Handy ab. Der Klang war allerdings schlecht und die Bedienung mehr als unbequem. Dann kaufte ich mir einen iPod, er ist jetzt mein ständiger Begleiter. Nachts saugt er sich voll mit den neuesten Ausgaben der Podcasts, die ich abonniert habe. Auf dem Fahrrad oder in der S-Bahn auf dem Weg ins Büro höre ich dann, was meine imaginären Freunde aus dem Netz mir geschickt haben.

Ich höre nicht irgendwelche Podcasts, sondern Musiksendungen ganz bestimmter Diskjockeys. Sie heißen John Richards, Kevin Cole, Cheryl Waters und Scott Coburn und sind mir unterdessen so ans Herz gewachsen, dass sie mir die Kassettenfreunde von damals ersetzen. Sie arbeiten alle bei dem Radiosender KEXP in Seattle im Nordwesten Amerikas. Das ist einerseits eine Art College-Radio, vollständig werbefrei; es lebt von Spenden der Hörer und von Konzerten, die es veranstaltet. Zugleich aber ist es ein vitales Element der Post-Grunge-Musikszene und kooperiert mit dem "Experience Music Project", von dem man in Seattle stolz sagt, es sei das größte Popmusikmuseum der Welt.

Und schließlich nutzt der Sender auf erfindungsreiche Weise das Internet. Den Live-Stream kann man überall auf der Welt in passenden Bandbreiten am Computer hören. Seit einigen Monaten stellt KEXP auch Podcasts bereit. Diese moderierten Musik-Zusammenstellungen vereinen die Intimität eines freundschaftlichen Kassettenmixes mit der Qualität klassischer Radiodiscjockeys. Wer sie hört, wird Teil einer neuen Form von Öffentlichkeit. Podcasts sind – DSL vorausgesetzt – global zugänglich, zugleich werden sie privat und individuell genossen, wo auch immer der iPod sie hinträgt.

Ein Podcast kann rücksichtsloser und subjektiver sein als eine Radiosendung, weil er sich sehr gezielt an Abonnenten wendet, die schon wissen, auf was sie sich einlassen. Das Medium kann sich seine Hörer weltweit suchen und vice versa – wenn das nicht erstaunlich ist!

Von John Richards ersten Podcasts war ich so bezaubert, dass ich ihm eine Dankesmail schrieb. Er hatte mich mit den Silversun Pickups und The Prayers and Tears of Arthur Digby Sellars bekannt gemacht, mit Okkerville River, Langhorne Slim, Amusement Parks on Fire, Cloud Cult und zig weiteren Bands, von denen ich sonst nie erfahren hätte. Ich schrieb ihm, dass ich seinen zweiten Podcast immer auf meinem Weg durch den Berliner Tiergarten hörte, an dem Rhododendron-Wald vorbeigleitend, meiner Lieblingsstelle im Park. John schrieb hocherfreut zurück und forderte mich auf, weiterhin über meine Erfahrungen mit den Podcasts zu berichten. In der nächsten Sendung wurde ich als Berliner Hörer erwähnt, neben anderen, die aus China geschrieben hatten, von der Ostküste der USA, aus Nordeuropa. Ich hörte dies wiederum im Tiergarten, radelnd. Ich muss zugeben, dass mir ein wohliger Schauder über den Rücken lief.