Auf der Insel Rügen gibt es zehn weitere Fälle von Vogelgrippe. "Die Lage hat sich extrem zugespitzt", sagte der Agrarminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD), am Donnerstagabend. Von 40 im Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit auf Riems geprüften Rügener Proben sei in jeder vierten das hochgefährliche Virus H5N1 nachgewiesen worden, teilte das Landesagrarministerium am Donnerstagabend in Schwerin unter Berufung auf erste Untersuchungsergebnisse mit.

Nach Forscheransicht besteht für Menschen in Deutschland keine akute Vogelgrippe-Gefahr. Maßnahmen wie die Stallpflicht und das Anleinen von Hunden seien aber sinnvoll, sagte der Biochemie-Professor Wolfgang Garten vom Institut für Virologie in Marburg.

Das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (Friedrich- Löffler-Institut/FLI) auf der Ostseeinsel Riems teilte mit, weitere Untersuchungen der vor Tagen auf der Insel Rügen verendeten zwei Schwäne hätten eindeutig das hoch gefährliche Influenzvirus vom Typ H5N1/Asia nachgewiesen. Nach der genetischen Analyse gebe es eine Verwandtschaft zu H5N1-Viren, die in der Mongolei und am Qinghai-See in China gefunden wurden, sagte FLI-Sprecherin Elke Reinking.

Bei den zehn neuen Fällen handelt es sich nach Angaben von Bundesagrarminister Horst Seehofer (CSU) um sechs Höckerschwäne, drei Singschwäne und eine Gans. Die Singschwäne als Träger der Vogelgrippe stellten eine neue Situation dar, da sie im Gegensatz zu den Höckerschwänen, bei denen das Virus bereits festgestellt worden war, Zugvögel seien und längere Strecken zurücklegten, sagte Seehofer am Donnerstag in der ZDF-Sendung Berlin Mitte (Ausstrahlung Donnerstag 23.15 Uhr).

Alle Tiere stammen aus der Umgebung der Wittower Fähre, wo auch die ersten beiden infizierten Schwäne gefunden worden waren. Ein Singschwan war beringt und kam aus Lettland. Neue Vogelgrippe-Fälle gab es auch in Griechenland und Rumänien.

Seehofer ging schon vor Bekanntwerden der neuen Testergebnisse von einer weiteren Ausbreitung der Tierseuche aus. Der Minister forderte deshalb am Donnerstag im Bundestag ein "rigoroses und konsequentes" Vorgehen. Gleichzeitig verteidigte er Schutzmaßnahmen wie die Stallpflicht für Geflügel. Sie tritt bundesweit an diesem Freitag wieder in Kraft. Außerdem sind Geflügelmärkte und -ausstellungen vorläufig ausnahmslos verboten. Seehofer verschob seinen für diesen Freitag geplanten Informationsbesuch nach Rügen auf Samstag.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte vor den neuen Funden auf Rügen vor überzogenen Redaktionen gewarnt. "Es gibt keinen Grund, dass wir nun panisch reagieren", sagte Merkel in der ZDF-Sendung Was nun . Die Bundesregierung und die verantwortlichen Minister hätten sich schon seit Monaten vorbereitet. "Menschen brauchen sich im Moment keine Gedanken zu machen", sagte Merkel.

Heftige Auseinandersetzungen über das Vorgehen in Mecklenburg- Vorpommern gab es am Donnerstag im Bundestag. Die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn kritisierte Zeitverluste vom Auffinden der beiden toten Schwäne am 8. Februar bis zu den Ergebnissen des Schnelltests erst 6 Tage später. "Ein Schnelltest, der 4 oder 6 Tage braucht, der ist schief gegangen", rief Höhn Landesagrarminister Backhaus zu. Sie forderte den Einsatz eines mobilen zentralen Einsatzkommandos. Backhaus wies die Vorwürfe zunächst zurück. Nach dem Auffinden der beiden Schwäne am 8. Februar sei er an diesem Dienstagabend um 18.15 Uhr vom Loeffler-Institut über die positiven Befunde unterrichtet worden. "Bis dato hatten wir 3.220 Tiere, die zur Beprobung angeliefert waren, von denen nicht eine positiv war."

Nach den neuen Funden von Vogelgrippeviren auf Rügen forderte Backhaus den betroffenen Landkreis auf, umgehend zu handeln. "Ich habe dem Kreis eine Frist bis Freitag 10 Uhr gesetzt, alle toten Tiere zu beseitigen", sagte er. Der Minister äußerte sich später unzufrieden über die vom Landkreis nach dem Bekanntwerden der Vogelgrippe ergriffenen Maßnahmen. Sie hätten nicht den seit langem im Land festgelegten Plänen entsprochen. "Ich habe den Eindruck, dass der Landkreis mit dieser Aufgabe überfordert ist."

Besorgte Bürger in Deutschland meldeten den Behörden eine Vielzahl toter Vögel. In dieser Jahreszeit gibt es auch normalerweise relativ viele tote Vögel in Deutschland, die etwa wegen Nahrungsmangel sterben. Die Hamburger Gesundheitsbehörde warnte davor, tote Vögel zu berühren.

Seehofer appellierte an die Eltern, dafür zu sorgen, "dass Kinder tote Vögel nicht anfassen". Über eine Hotline des Ministeriums könnten Bürger Antworten auf Fragen - auch über den Umgang mit Haustieren - erhalten. Die Hotline ist wochentags von 9.00 bis 17.00 Uhr unter den Telefonnummern 01888-529-4601 bis - 4605 zu erreichen.