Vier Leute als Einsatzteam waren einfach zu wenig. Bei einer Sitzung am Donnerstagvormittag kam der Krisenstab der Kreisverwaltung Rügen darum auf eine originelle Idee: Man könne ja Arbeitslose zur Bergung der toten Vögel einsetzen. Groß und kräftig sollten die Männer sein, damit sie die verendeten Schwäne auch wegschaffen können.

Sie werden dringend gebraucht. Denn ständig werden auf der Ostseeinsel neue Kadaver gefunden. Bis Donnerstagmittag entfernten die Helfer 162 Tiere - vier Enten, zwei Möwen, einen Habicht und 155 Schwäne. „Ich habe dem Kreis eine Frist bis Freitag 10 Uhr gesetzt, alle toten Tiere zu beseitigen“, verkündete der Schweriner Landwirtschaftsminister Till Backhaus gestern. Die Lage habe sich „extrem zugespitzt“, mahnte der SPD-Politiker.

Die Spezialisten des Friedrich-Löffler-Instituts in Riems meldeten am Donnerstagabend weitere Fälle von Vogelgrippe. In zehn von 31 Proben hatten sie den Erreger gefunden. Alle infizierten Tiere stammten aus der unmittelbaren Nähe der Wittower Fähre - jener Anlegestelle, an der die ersten beiden toten Schwäne am 8. Februar entdeckt worden waren.

Zudem haben weitere Untersuchungen an verendeten Schwänen eindeutig einen hoch gefährlichen Typ des H5N1-Virus nachgewiesen. Es sei eng verwandt mit jenen Vogelgrippe-Viren, die im Jahr 2005 in Zentralchina gefunden wurden, berichtete Elke Reinking, Sprecherin des Instituts. Jene Virusvariante hatte im vergangenen Jahr am Qinghai-See innerhalb weniger Wochen 6.345 Wildvögel getötet. Gen-Analysen des Erregers zeigten, dass es sich um eine neue Variante von H5N1 handelte, die Wildvögel womöglich mehr bedroht als die bis dahin bekannten Virustypen. Wildenten zum Beispiel waren bis dahin dafür bekannt, dass sie bei einer Influenza-Infektion nur leichte Symptome zeigen.

Noch immer rätseln Experten, wie das Virus auf die idyllische Ostseeinsel gelangen konnte. Manche vermuten, dass die Kälte die sonst sesshaften Höckerschwäne vom Balkan nach Italien trieb. Wie sie dagegen aus dem Süden nach Rügen gelangten, ist mit den üblichen Zugrouten der Vögel nicht zu erklären. Der Ornithologe Wolfgang Fiedler von der Vogelwarte Radolfzell vermutet, dass H5N1 sich schon seit vergangenem Herbst in Europa ausbreitet. Zugvögel hätten die Erreger unbemerkt eingeschleppt und das übrige Federvieh angesteckt. „Die Schwäne waren vielleicht schon seit einiger Zeit mit Influenza-Viren infiziert“, sagt Fiedler. Nur seien sie erst jetzt, vom Stress des kalten Winters geschwächt, daran gestorben. „Es ist allerdings erstaunlich, dass wir bislang keinen einzigen lebenden infizierten Vogel in Europa gefunden haben – trotz intensiver Untersuchungen.“ Womöglich haben sogar Singschwäne die Seuche im Herbst eingeschleppt. Sie können im Gegensatz zu den Höckerschwänen Strecken von bis zu 500 Kilometern zurücklegen.

Um eine weitere Ausbreitung von H5N1 zu vermeiden, soll nach Angaben des Schweriner Landwirtschaftsministeriums in der Schutzzone von drei Kilometern um den Fundort eines infizierten Tiers der Handel und Transport von Geflügel für 21 Tage verboten sein. Betriebe müssen Desinfektionswannen aufstellen und Schutzkleidung beim Betreten der Ställe ist Pflicht.

Noch strengere Maßnahmen beschlossen am Donnerstag Tierseuchen-Experten der EU-Mitgliedstaaten in Brüssel. Um die Schutzzonen sollen zusätzliche Pufferzonen entstehen und Geflügeltransporte aus diesen Gebieten streng kontrolliert werden. Auf allen befallenen Höfen muss das gesamte Geflügel notgeschlachtet werden. Nur so sei die Seuche einzudämmen. Zum Vergleich: Im Jahr 2003 wurden bei einem Ausbruch des Influenza-Virus H7N7 in den Niederlanden vorsorglich 30 Millionen Hühner getötet.

Die Inselbewohner auf Rügen scheint das wenig zu stören. Noch am Mittwochabend liefen Enten und Hühner munter auf den Höfen von Kleintierhalten herum - nur wenige Kilometer westlich der Fähranlegestelle, an der die Schwäne verendet waren.