Um das vorweg zu sagen: Ich gehöre zu den Leuten, die seit dem 11. September 2001 einen Kampf der Kulturen durchaus für vorstellbar halten. Ich glaube, dass sich der liberale, demokratische, aufgeklärte, agnostische, wirtschaftlich erfolgreiche (und dementsprechend selbstzufriedene) Westen nicht einmal ansatzweise klar macht, wie sehr man ihn hassen kann. Und ich glaube, dass die "Empörung", die angeblich gekränkten Gefühle, die ein paar unbedarfte Mohammed-Karikaturen einer dänischen Provinzzeitung hervorriefen, von interessierter islamistischer Seite geschürt und gelenkt wurden. Insofern halte ich nichts von regierungsamtlichen Entschuldigungen für die Presse- und Meinungsfreiheit.

Und insofern war ich natürlich sofort geneigt, den zur Zeit in Deutschland wie in der Türkei heftig diskutierten Film Tal der Wölfe - Irak für ein weiteres Eskalationsphänomen zu halten, passend zu brennenden Botschaften und Fahnen, zu Boykottaufrufen gegen dänische Produkte und zu der Teheraner Unverschämtheit, die deutsche Bundeskanzlerin mit Hitler zu vergleichen. Nun also, dachte ich, ein Propagandastreifen, der auch noch das vielleicht nicht großartige, aber doch ziemlich zivilisierte Zusammenleben von Türken und Deutschen in Deutschland kaputtmacht. Die ersten Berichte jedenfalls lasen sich haarsträubend: Antiamerikanisch, antisemitisch, antichristlich, gewalttätig, aufwieglerisch sei der Film. Und offenbar johlten allenthalben die türkischstämmigen Zuschauer, wenn die amerikanischen Erzbösewichte abgeschossen oder abgestochen wurden.

In der Vorstellung, die ich dann besuchte, um mir meine Vorurteile bestätigen zu lassen, johlte niemand. Der Film läuft in meiner Heimatstadt Kiel in einem ganz gewöhnlichen Multiplex-Kino. Während man auf Einlass zum Tal der Wölfe wartet, kommen kichernde, popcornkrümelnde Mädchen aus Die wilden Hühner . Das Kino ist Teil eines Bahnhofs- Erlebnisgastronomie- Fitnesscenter- und- Bowlingbahnkomplexes und insofern an ein multikulturelles Publikum gewöhnt. Gelegentlich hauen sich hier Jugendliche, aber bisher selten wegen Religion.

In unseren Film (und ja: Der Kassierer guckte ein wenig erstaunt als wir kamen und sagte: "Das ist dieser türkische Film...?") wollten außer uns keine anderen deutschen Muttersprachler - der Umstand, dass man beim Anschauen quasi "allein unter Türken" sei, scheint einige Kritiker ja besonders verstört zu haben. Ich finde ihn allerdings vergleichsweise leicht damit zu erklären, dass der Film noch nicht synchronisiert ist und mit Untertiteln läuft - wenn mich der Inhalt nicht sehr interessiert, sehe ich mir auch nur selten japanische oder chinesische Filme im Original an.

In diesem Fall interessiert nun aber der Inhalt. Und wenn man kein einziges Wort versteht, obwohl es darauf ankommt (eine pädagogisch vermutlich ganz wertvolle Erfahrung), spürt man auf einmal überdeutlich, wie fürchterlich hilflos man ohne Sprache ist. Bilder erklären sich nicht von selbst. Auf die Integrität des Untertiteldichters möchte man sich gern verlassen können.

Ich war mir in diesem Fall nicht sicher. Ich habe den Verdacht, dass für den deutschen Zuschauer unerträgliche Passagen - zum Beispiel jene Szene, die einen mörderischen, Organe stehlenden Arzt angeblich als Juden ausweisen - einfach nicht mit übersetzt worden sind. Aus dem Aussehen und Verhalten, aus dem Spiel des Darstellers ergibt sich dessen Judentum nämlich nicht - da hätte man, in filmischen Klischees, eher an Frankenstein, an den verrückten schwedischen Schurken aus einem James-Bond-Film oder den besessenen Nazi-"Wissenschaftler" gedacht. Solche Unsicherheit an so zentraler Stelle macht es nicht eben leicht, dem Rest des Films (und seinen Untertiteln) ohne grundsätzliches Misstrauen zu begegnen. Und vielleicht sollte man, ohne es selbst ganz genau zu wissen, sagen: Das reicht schon. Aber gehen wir mit jedem rassistischen Klischee, mit jedem hirnrissigen Ressentiment im Reich des Unterhaltungskinos genau so streng um, und vor allem: Gehen wir dagegen vor? Vielleicht sollten wir das, aber dann müssten wir viel Mist anschauen.

Von der vorerwähnten Szene abgesehen, scheint mir Tal der Wölfe die Aufregung mancher Feuilletons und die Verbots- und Absetzdiskussionen nicht wert zu sein. Gewiss, es ist ungewohnt, in einem James-Bond-Stoff die Amerikaner in der Rolle der Schurken zu sehen - aber so werden sie auch auf mancher deutschen Demonstration dargestellt. Und es gibt immerhin (Differenzierung!) einen guten Amerikaner, der versucht, die Verbrechen seiner Kameraden zu verhindern - mit den Waffen des Rechtsstaats. Es ist zudem ein wenig schwierig, sich moralisch zu entrüsten, wenn eines der bedrückendsten Bilder des Films eine wohlbekannte Folterszene aus Abu Ghraib nachstellt.

Der Film ist auch nicht islamistisch. Es gibt zwar weder nette Christen noch nette Juden (Meinungsfreiheit), aber in der religiösen Sympathieträgerfigur ist sozusagen das Ethos der Weltreligionen aufgehoben; und Selbstmordattentate und Al-Qaida-Enthauptungen gelten dem guten Scheich als zutiefst unislamisch.

Das Gewaltniveau des Films, über das viel gejammert wurde, geht über den handelsüblichen Action-Film nicht hinaus und bleibt weit unter demjenigen sämtlicher Splatter-Movies sowie erzwestlicher Kultfilme wie A Clockwork Orange . Ernsthaft: Man kann das alles für entsetzlich halten, aber wer heute dieses bisschen Schießen, Bomben und Erstechen dramatisiert, der heuchelt - oder war noch nie in einer Videothek.

"Wie hat es Ihnen gefallen", fragt uns eine junge Frau nach der Vorstellung: "Sie sehen ein bisschen, naja, nachdenklich aus." Das bin ich auch. Denn der Film ist Propaganda. Er ist zweifelsohne geeignet, Leute aufzuwiegeln, die darauf aus sind, sich aufwiegeln zu lassen, und am Samstagabend noch nichts anderes vorhaben. Aber er fügt sich auch mühelos in den Strom all dessen ein, was man sonst so hört und sieht und halb versteht und an sich vorüberrauschen lässt.