Manfred Stolpe sitzt im Cafe des Hilton-Hotels am Berliner Gendarmenmarkt und blättert in seinem Terminkalender. Dass er nun selbst den Überblick über seine Verabredungen behalten muss, ist für den Minister a. D. kein Problem. Im Gegenteil. Als er noch in Amt und Würden war, habe er seine Mitarbeiter damit wahnsinnig gemacht, dass er stets seinen eigenen Kalender führte, sagt er lachend und nimmt einen Schluck von seinem Capuccino. Der Hang, sich selbst zu verwalten, ist ein Erbe aus den Anfängen seiner Berufstätigkeit. Als Kirchenjurist hat er die ganzen kleinteiligen Büroarbeiten von der Pike auf gelernt.

Diese Fähigkeiten sind ihm nun wieder neu von Nutzen. Denn sein Ruhestand begann mit einer "Bugwelle von Anfragen", die es zu sortieren galt. "Damit war ich die ersten Wochen beschäftigt", sagt er. Offenbar hätten sich viele gedacht "jetzt hat der Junge Zeit, jetzt kann er sich mal um uns kümmern". Und damit stoßen sie bei ihm selbstverständlich auch nicht auf Granit. Sein Leben lang ist Manfred Stolpe einer gewesen, der sich verantwortlich fühlte, auch wenn seinem Engagement nicht selten ein etwas obrigkeitsstaatliches Verständnis von Politik anhaftete. "Wir mussten uns um die Leute kümmern", erklärte er früher einmal seinen Wechsel in die Politik nach der Wende und von dem Bundesland, dem er als Ministerpräsident vorstand, sprach er ganz positiv als der "kleinen DDR", wobei allerdings auch manches wirtschaftliche Bankrottunternehmen, das in seiner Regierungszeit begonnen wurde, diesen Vergleich als nicht ganz falsch erscheinen lässt.

Der Wunsch "mitzuhelfen", wie er absichtlich bescheiden formuliert, ist auch mit 69 Jahren nicht erlahmt. In Zukunft will Stolpe sich vor allem für die Erhaltung von alten Gutshäusern, Kirchen und Klöstern in Brandenburg einsetzen. Aber auch die deutsch-russischen und die deutsch-polnischen Beziehungen liegen ihm am Herzen, ja selbst für das russisch-polnische Verhältnis fühlt er sich zuständig. Zudem ist er als Zeitzeuge gefragt. "Man ist ja so eine Art Leitfossil", sagt er nicht ohne Selbstironie.

Gerade kommt er von einer Veranstaltung des ADAC, wo er zur Entwicklung des Verbandes in den neuen Ländern befragt wurde. Über Terminmangel kann er sich also nicht beklagen.  "Meine Frau sagt, es ist schlimmer als vorher, da wusste ich wenigstens wo ich Dich erreichen kann", erzählt er leutselig. Wie schon früher fährt er auch jetzt noch eine Woche nach seiner Familie in den gemeinsamen Urlaub. Ein Leben so ganz ohne Verantwortung ist eben schwierig für einen wie Stolpe. Wenn man ihn auf Hobbys anspricht, wird er ein wenig unsicher. "Wo ich so richtig was nur für mich mache?", fragt er dann zurück. Na, die Tätigkeiten, die er aufgezählt habe, das seien doch seine Hobbys. Vor der Pensionierung habe er seine Pflicht erfüllt, was er jetzt mache sei Kür.

Ganz preußisch beginnt sein Tag morgens um sechs mit Liegestützen und Kniebeugen. Sportlich hat er sich sogar gesteigert, seit er nicht mehr Minister ist und die "Frühertüchtigung nicht mehr nach der Uhr" machen muss. Freizeit wird "eingeplant". Darunter fallen für ihn auch die drei Tage, in denen er unter Anleitung seiner Frau den Keller renovierte. "Darüber hätte man im Ministergeschäft wochen- und monatelang geredet, aber man wäre nicht dazu gekommen", sagt er. Ein bisschen Familienarbeit habe er aber immer gemacht, einkaufen zum Beispiel. Er rückt die Krawatte zurecht und lässt den Blick über die vornehmen Gäste an den Nachbartischen schweifen. "Wenn wir in Potsdam wären, könnte ich Ihnen manches Schnäppchen empfehlen". Nur zur Gartenarbeit zieht ihn auch im fortgeschrittenen Alter so gar nichts. Die Geduld, die man dafür braucht, die hat er nicht. Erleichtert ist er darüber, dass er seine Frau durch seine häufigere Anwesenheit weniger stört, als er befürchtet hatte. Vielleicht liegt das auch daran, dass er sie eingefügt hat in seinen Tagesablauf. "Sie ist eine Managementhilfe", sagt er über sie.

Mit seinem jetzigen Leben ist Stolpe höchst zufrieden. Von allen Ministern, die im Herbst 2005 aufhören mussten, sei er wahrscheinlich der fröhlichste gewesen, sagt er.  Schließlich war für ihn immer klar, dass er nicht länger bleiben wollte als eine Legislaturperiode. Durch die vorgezogenen Wahlen habe er "ein Jahr gewonnen". Obgleich nach seiner Ernennung 2002 vielfach daran gezweifelt wurde, dass Stolpe sich aus reinem Pflichtgefühl für das Amt zur Verfügung gestellt hatte, um dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder die Peinlichkeit einer reinen Wessi-Regierung zu ersparen, hält Stolpe an dieser Version fest. Für sich habe er diese "drei Jahre Frondienst als Minister für Verkehr, Maut und sonstige Späßchen" nicht gebraucht. Auch heute ist er lieber ein ehemaliger Ministerpräsident als ein Minister a.D. Als Landesvater, da hatte er seine Rolle gefunden.