Die Nummer 001 gehört B. Fleischmann bei Morr Music gleich mehrfach: sein Album Poploops For Breakfast war im Juni 1999 die erste Veröffentlichung des Labels, seine Single Nico eröffnete zwei Jahre später den Reigen einer 7-Inch-Serie namens A Number Of Small Things. Nicht nur deshalb kann sich der Wiener, der eigentlich Bernhard Fleischmann heißt, bei dem Berliner Label einiges erlauben. Und das nutzt er aus. Nicht, dass er die ihm entgegengebrachten Sympathien mit schlechten Platten enttäuschen würde, ganz im Gegenteil. Eher mit einer für eine kleine Plattenfirma fast zu stetigen Produktion hochwertiger Musik. Sein letztes Soloalbum Welcome Tourist – ein Doppelalbum – erschien Ende 2003, weniger als ein Jahr darauf veröffentlichte er unter dem Namen Duo 505 gemeinsam mit Herbert Weixelbaum die außergewöhnlichen Klänge ihrer Roland 505 Grooveboxen auf der Platte Late . Und während dieser Tage nun das etwa fünfte Album unter seinem Namen erscheint, ist Fleischmanns nächste Platte angeblich bereits fertig aufgenommen und wartet auf eine Veröffentlichung. Die Ökonomie eines kleinen Labels – zehn bis zwölf Platten pro Jahr – und das Diktat der Fußball-WM – keine Veröffentlichungen im Sommer – dürften diesen Termin ins Spätjahr hinauszögern.

Jetzt also erstmal Humbucking Coil , die Nummer 063 bei Morr. Eine Platte, die Fleischmann im immer weiter werdenden Feld der Elektronika fast als einen Traditionalisten etabliert. Glasklar sind seine Klänge, ohne jede Eile kombiniert er Spur um Spur. Keine geschrammelte Hymne, wie Ladytron sie mittlerweile erzaubern, keine Hektik, wie Four Tet sie betreiben. Auch die Gitarre, die er angeblich – was so aber gar nicht stimmt, schließlich waren auch auf Welcome Tourist schon welche zu hören – erstmals einsetzt, hält sich im Hintergrund, erzeugt keine rockistischen Geräuschteppiche sondern dezente Klangspritzer. Fleischmann setzt sie ein wie ein weiteres Stück digitalen Equipments. Und würde sich der Plattentitel nicht so eindeutig auf den Humbucker genannten Tonabnehmer elektrischer Gitarren beziehen, es wäre wohl wenigen aufgefallen, dass sie da ist. Überhaupt, auch bei der Klarinette in Static Grace und dem Jazzbesen in Broken Monitors spielt es kaum eine Rolle, ob es sich um digital oder analog erzeugte Geräusche handelt.

Wie wenige andere beherrscht Fleischmann die Klaviatur der Elektronika-Emotionen, hier und da setzt er Schleifen für verschwenderisch wenige, vier, vielleicht acht Takte ein, nur um dem Lied eine unerwartete Wendung zu verpassen. Bei aller Digitalität entsteht in den Zwischenräumen etwas Organisches, Atmendes. Der Song Gain zum Beispiel lebt von einer Orgel, die unentscheidbar zwischen Wohlklang und Disharmonie schwebt, ruhig aber aufwühlend. In jedem Song spielt Fleischmann mehrere Möglichkeiten des Klanges durch, seine Schleifen und Motive wiederholen sich ein ums andere Mal, immer leicht variiert, so als spiele er selbst durch, wie das alles hätte auch klingen können. Am eindeutigsten nach diesem Muster funktioniert der abschließende Song des Albums, Aldebaran Waltz , der in fünfeinhalb Minuten sieben Variationen eines kurzen Themas durchlebt.

Zweimal darf – wie bereits bei Welcome TouristChristof Kurzmann ein bisschen, na ja, singen. Die beiden Lieder, Gain und From To sind Gratwanderungen, weil der an Lou Reed erinnernde Sprechgesang sich einerseits wie ein unpassender Bruch anfühlt, dadurch aber andererseits vielleicht gerade wieder die Besonderheit der Platte ausmacht. Fleischmann hat mit Humbucking Coil ein Album geschaffen, das sich ganz und gar nicht zum nebenbei hören eignet. Acht Songs, die mit dem Hören und der Lautstärke wachsen. Und so schlüssig und sogar homogen das Album ist, so schwer ist es, einen typischen Song zu finden.

Hören Sie hier "Broken Monitors"
"Humbucking Coil" von B. Fleischmann erscheint am 9.2.2006 als CD und LP bei Morrmusic. Dort kann man das ganze Album vorhören. CD und LP sind über Hausmusik erhältlich.