Nach Aufrufen von Politikern aller Lager zu Ruhe und Toleranz ist im Irak die Welle der Gewalt nach der Zerstörung der Goldenen Moschee von Samarra am Wochenende etwas abgeebbt. Während in den ersten drei Tagen nach der Sprengung eines der wichtigsten schiitischen Heiligtümer am Mittwoch fast zweihundert Menschen getötet und über hundert meist sunnitische Moscheen angegriffen worden waren, gab es am Samstag und Sonntag rund weitere vierzig Tote. Bombenanschläge beschädigten einen schiitischen Schrein bei Tus Churmatu, hundertachtzig Kilometer nördlich von Bagdad, und einen in der südlichen Hafenstadt Basra. Politiker und Geistliche aller Lager versuchten am Wochenende mit hektischen Spitzentreffen eine Lage zu entschärfen. Übergangsministerpräsident Ibrahim al-Dschafari empfing am Samstagabend in seinem Haus die Führer der maßgeblichen politischen Parteien. Zuvor waren sie einzeln von US-Präsident George W. Bush angerufen worden, berichtete CNN. Die Bagdader Führung der Bewegung des radikalen schiitischen Predigers Muktada al-Sadr folgte einer Einladung der sunnitischen Vereinigung Muslimischer Rechtsgelehrter (AMS) zu einer Einheitsbekundung in der Abu-Hanifa-Moschee im sunnitischen Kernbezirk Adhamija. Bei all diesen Gesprächen wurde ein prinzipielles Verständnis darüber erzielt, dass jede politische Kraft ihre jeweiligen Milizen zurückziehen müsse. Auch die Notwendigkeit der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit nach den Wahlen vom vergangenen Dezember wurde bekräftigt. Der Vorsitzende der Irakischen Konsensfront, der mandatsstärksten sunnitischen Allianz, Tarik al-Haschemi, erklärte allerdings am Sonntag, dass seine Gruppierung erst dann wieder an Koalitionsgesprächen teilnehmen werde, wenn die am Vortag vereinbarten Maßnahmen, insbesondere der Rückzug der Milizen, umgesetzt worden sind.Bei einem Bombenanschlag auf dem Busbahnhof von Hilla, hundert Kilometer südlich von Bagdad, starben am Sonntag vier Menschen. Sechs weitere Iraker seien verletzt worden, teilte die Polizei mit. Am Samstag wurden bei der Explosion einer Autobombe nahe einem belebten Marktplatz in Kerbela, hundert Kilometer südlich von Bagdad, neun Passanten getötet und fünfundzwanzig verletzt. In Bakuba, sechzig Kilometer nördlich von Bagdad, überfielen Bewaffnete in der Nacht zum Samstag ein Haus und erschossen alle zwölf Mitglieder einer schiitischen Familie, darunter Frauen und Kinder.Extremisten griffen am Samstag in Abu Ghoreib, dreißig Kilometer westlich von Bagdad, den Begräbniszug für die zwei Tage zuvor ermordete Reporterin des arabischen Fernsehsenders Al-Arabija, Atwar Bahgad, mit Feuerwaffen und einem Sprengsatz an. Dabei wurden zwei Polizisten getötet und zehn verletzt. Von den Trauergästen kam niemand zu Schaden. Bahgad, eine Irakerin, hatte über die Zerstörung der Goldenen Moschee berichtet, ehe sie mit ihrem Kameramann und einem Techniker bei Samarra erschossen wurde.