Herman Poole Blount, Le Sony´r Ra, Sun Ra. Die Namen stehen für poetische und politische Metamorphosen eines Mannes, der 1919 in Birmingham, Alabama geboren wird, im tiefsten Süden der USA, schwarz und rechtlos. Er weigert sich, als Soldat in den Zweiten Weltkrieg zu gehen, weil er Pianist ist. Ein Musiker, kein Soldat. Die Verweigerung bringt ihn ins Gefängnis, wo er beginnt, sich der herrschenden irdischen Welt zu entziehen, in der ein Mensch wegen seiner Hautfarbe diskriminiert wird. Er legt sich eine neue, außerirdische Identität zu, in der es keine Vergangenheit gibt, nur Zukunft. " His story is history, but my story is mystery ", gibt er zu Protokoll. Doch Vergangenheit und Gegenwart lassen ihn nicht los. In seinen Gedichten spricht er von Birds Without Wings und Black Is Space: THE OUTER DARKNESS . Unter den vielen anderen zornigen und kämpferischen Gedichten ist auch Free From Freedom . Das Infragestellen einer Freiheit, die erst per Gesetz beschlossen werden muss.

An diesem Februarabend ist der Berliner Jazzclub A-Trane gut gefüllt. Auf der Bühne ist elektronisches Equipment aufgebaut. Kabel führen vom Mikrofon zu einem aufgeklappten Laptop, von da aus weiter zu einem Keyboard. Free From Freedom . Der Detroiter Poet und Musiker Sadiq Bey verzerrt die Worte, lässt sie dunkel nachhallen. Er vervielfältigt sie, und sie breiten sich aus, steigen auf, über die Bühne hinaus. Weiter getragen von einem Bassklarinettensolo und einem sich wiederholenden Bass-Muster, leiser werdend, dann ausklingend.

Erst wenige Stunden vor Konzertbeginn sind die Musiker zum ersten Mal zusammen gekommen: der Saxofonist und Bassklarinettist Gebhard Ullmann, der Schlagzeuger und Percussionist Jan Burkamp, der sonst mit der Blue Man Group trommelt, der Bassist Kevin Ellington Mingus, Enkelsohn von Charles Mingus, und Sadiq Bey. Er spricht über Sun Ra, den Blues-Pianisten und Pionier der elektrischen Verzerrung, der mit synthetischen Klängen arbeitete, mit Hilfe eines Farfisa-Synthesizers. Auch Sadiq verschiebt manipulierte Klänge unter den akustischen Schichtungen von Bass, Trommeln und Saxofon. Schnipsel von Tondokumenten, die montiert und verfremdet werden. Die Stimme von Sun Ra selbst vermischt sich mit der Rückkopplung seiner Gedichte. Das "Schwartzegeist-Projekt" von Sadiq Bey, eine Spoken-Word-Performance der Gedichte von Sun Ra anlässlich des Black History Month, der jedes Jahr im Februar begangen wird, dem kürzesten Monat des Jahres.

Am nächsten Tag sitzt Sadiq Bey in einem Café an der Frankfurter Allee in Friedrichshain und trinkt Tee. Kurze Rastazöpfe stehen um seinen Kopf. Er wohnt um die Ecke in einer zweistöckigen Wohnung. Vor zwei Jahren kam er nach Berlin, um neue Möglichkeiten der Elektronik zu erforschen. Auf einem großen Flachbildschirm direkt über der Bar läuft stumm ein Nachrichtenprogramm.

Bey wurde 1951 in Detroit geboren. Er erinnert sich, dass seine Mutter als Kellnerin in einem Restaurant arbeitete, wo sich "die reichen jüdischen Frauen" der Detroiter Upper Class zum Essen trafen. Er kam nach der Schule dorthin und sie riefen ihn "Cute Schwartze", niedlicher Schwarzer. Er verstand erst viel später, was "Schwartze" bedeuten sollte. Seitdem trägt er die Erinnerung daran mit sich wie einen Schatten. Wie einen Geist. Den Schwartzegeist. Die Solo- und Gruppenprojekte unter diesem Namen wurden in den 80er Jahren für Auftritte im US National Public Radio konzipiert. Für ihn sei Schwartzegeist ein "fortlaufendes Projekt in verschiedenen Manifestierungen". Wie auch sein Libretto Notes On Othello , das er gemeinsam mit dem Pianisten Uri Caine auf der Biennale in Venedig präsentierte, oder das serielle Kunst- und Gedichtobjekt Slow The Eye , entstanden aus der Zusammenarbeit mit Berliner Künstlern.

Er studiert Kunst und Literatur , als er 1968 an der Universität von Detroit in Kontakt mit der ägyptischen Ausrichtung der Sufi-Religion kommt und sich von da an Sadiq Bey nennt. Mit anderen Sufis lebt er in einer Art Kommune in Detroit. "Dort lebten Künstler, Schriftsteller, Musiker, Handwerker – wir waren wie ein Tribe, ein Stamm". Er heiratet und zeugt sechs Kinder. Währenddessen schreibt er, eröffnet eine Galerie, macht Musik, gründet ein Festival und präsentiert eine Radiosendung. Seine Gedichte sind beeinflusst von dem afro-amerikanischen Dichter Amiri Baraka und dem zornigen, radikalen und bluesbetonten Klang des Saxofons von Archie Shepp.