In Ermangelung noch unkommentierter Ereignisse verlegt sich ein bedeutender Teil der Presse dieses Mittwochmorgens aufs Allgemeine, sprich: auf die Gestimmtheit im Lande. Zu besichtigen ist ein dialektischer Vorgang. Wurde bisher die Leutseligkeit des Souveräns angesichts der von ihm ins Amt gesetzten Koalition eben dieser gutgeschrieben, so verselbstständigte sich doch die Gutelauneberichterstattung allmählich, bis es nur noch eine Frage der Zeit war, dass sie ins Kritische umschlug.

So schreibt beispielsweise der ohnehin im getragenen Fach fest verankerte FAZ -Herausgeber Berthold Kohler angenervt vom "flotten Eigenlob" der Regierung (als wenn Derartiges ein Novum wäre) sowie von ihrer "Leichtigkeit" (die ihm und den Seinen schon an der Vorgängerin missfallen hatte). In der Tat nicht ganz nachzuvollziehen ist die gute Zensur, die dem Merkel’schen Kabinett fast allenthalben gegeben wurde, denn "besonders hoch lag die Latte bisher nicht, weder in der Außen- noch in der Innenpolitik", schreibt Kohler zutreffend und fährt fort, dass sich das ändern könnte, wenn etwa die Irankrise eskalierte. Oder der Konflikt um die Krankenversicherung.

In der Welt , die sich ebenfalls der Volksseele zuwendet, wird auf Seite eins gänzlich ohne Hemmung psychologisiert. "Ist es Erschöpfung, daß die Deutschen so zufrieden mit dieser Regierung, insbesondere dieser Kanzlerin sind?", fragt die Kommentatorin, um sich selbst die Antwort zu geben: "Die Deutschen machen Pause vom Pessimismus. Die Wirklichkeit aber kann man nicht verdrängen". Das sah Freud zwar anders, aber egal, auch sein Jahr wird vorbeigehen, und dann ist die Merkel immer noch im Amt. Vermutlich.

"Beinahe starrsinnig", so diagnostiziert die Süddeutsche Zeitung die politische Gefühlslage, "wollen sich diejenigen Deutschen, denen es (noch) ganz passabel geht, ihren Optimismus erhalten." So geht das aber nicht, mahnt der Kommentator, denn das bringe die Gefahr mit sich, "dass ein aus Enttäuschung wachsender Frust die Stimmung um so mehr in die Tiefe ziehen wird" – daher der Name "Tiefenpsychologie"; anzumerken vielleicht noch, dass erst die bösen Achtundsechziger aus dem Freud’schen Begriff der Frustration "den Frust" gemacht hatten.

Ein verschwiemelter Eros wiederum blinzelt zwischen den Zeilen des Kommentars der Leipziger Volkszeitung : "Verrückt nach Angie, heißt die politische Telenovela aus einem Land, das wieder ein bisschen mehr an sich selbst glaubt" – so etwas nennt der Freudianer "Projektion". Auf die Lust folgt indes sogleich die Strafe; der Leipziger Kommentator fährt mit einer Aufzählung all’ dessen fort, was die Regierung noch nicht zu tun begonnen hat und fordert gar "schmerzhafte" Enscheidungen. "Alle lieben Angela", beginnt auch die Mainzer Allgemeine Zeitung , schließt aber mit "Harmonie allein ersetzt auf Dauer kein politisches Programm." Ähnlich geht die Argumentation in fast allen Morgenzeitungen.