Die ZEIT sucht die Kette aus Fußballern, die Jaleel Johnson, einen Nachwuchstorhüter in Südafrika, mit seinem Vorbild Jens Lehmann verbindet. In der ersten Folge haben wir Jaleel vorgestellt und die Theorie, der zufolge er sechs oder weniger Fußballer von Jens Lehmann entfernt ist.
Wie geht es weiter? Wie finden wir die Menschenkette, die von Südafrika nach Deutschland führt? Anruf beim Südafrika-Korrespondenten der ZEIT, Bartholomäus Grill, der Jaleel für diese Serie ausgesucht hat. Der heißeste Kandidat, der uns in Richtung Europa bringen könnte, meint Kollege Grill, sei natürlich Farouk Abrahams, der Trainer unseres 13-jährigen Großtalents. Denn Abrahams hat einmal in der südafrikanischen B-Nationalmannschaft gespielt. Von da aus, so hoffen wir, müsste sich ein Weg in die Welt des internationalen Fußballs und damit zu Jens Lehmann finden lassen.
Porträt des zweiten Glieds in unserer Fußballkette.

Der richtige Mann zur falschen Zeit im falschen Land. Bei Farouk Abrahams war das so, jedenfalls bis zum Ende der Apartheid, aber er würde das natürlich nie heraushängen lassen. Denn Abrahams ist die Gleichmut in Person, er ist so gleichmütig, wie man das als Torwart eben sein muss, wenn ein Stürmer alleine aufs Gehäuse zudribbelt. Doch manchmal scheint er sich ein bisschen zu grämen, wenn er gedankenverloren den jungen Talenten seiner Goal Keeper Academy in Athlone zuschaut, kleinen Buben wie Jaleel Johnson. Sie sollen es einmal besser haben. Sie sollen Stars werden dürfen. Im neuen Südafrika und draußen, in der großen weiten Fußballwelt. Farouk Abrahams mit Schülern seiner Goal Keeper Academy in Athlone© Noor Slamdien

In solchen Augenblicken wünscht sich Abrahams, dass sein Leben anders verlaufen wäre. »Dann wäre ich heute Millionär.« Abrahams galt nämlich als der beste Torwart seiner Generation, aber er hatte einen Makel: Seine Haut war zu dunkel. Er ist ein, wie das heute immer noch heißt, coloured, ein Mischling. Solche Leute durften weder in der südafrikanischen Nationalelf spielen noch in der persilweißen Liga. Für seinesgleichen gab es eine eigene Liga, und die interessierte so gut wie niemanden. Selbst die farbigen Fußballfans zogen es vor, die Spiele der Herrenmenschen zu sehen.

Die Erinnerungen schlagen manchmal ein wie Blitze, aber sie dauern nur einen Lidschlag lang, dann legt sich wieder dieses Lächeln über das Gesicht von Abrahams, das nach innen genauso versöhnlich wirkt wie nach außen. Summa summarum hat es das Schicksal doch recht gut gemeint mit ihm, wenn man bedenkt, dass er in Manenberg aufgewachsen ist, einem tristen Township am Rande von Kapstadt. Abdullah Ibrahim, der weltberühmte Jazzpianist, kommt auch aus diesem Ghetto – wie die berüchtigsten aller Gangsterbosse, die Gebrüder Rashied und Rashaad Staggie. »Es gab viele Übel in den Straßen von Manenberg«, erzählt Abrahams. Die Drogen. Das Elend. Die Hoffnungslosigkeit. Der Polizeiterror. Und das Schreckensregime der Banden, die die eigenen Leute ausraubten, vergewaltigten oder umbrachten. »Aber eines wusste ich: Mein Ticket aus diesem Alptraum war Fußball. Fußball war ein anderes Wort für Überleben.«

Surving African Football, so heißt auch der Titel der Autobiographie, die Abrahams vor drei Jahren im Eigenverlag veröffentlicht hat. Zusammenfassend könnte man sagen: Du hattest keine Chance, aber du hast sie genutzt. Erst die Grundausbildung auf dem Bolzplatz zwischen den schäbigen Quartieren, dann der Sprung in die Auswahl der Township, schließlich der Profi-Vertrag bei den von ihm vergötterten Cape Town Spurs. Das brachte zwar verdammt wenig Geld, aber viel Ehre. »Ich war plötzlich der begehrteste Junggeselle von Manenberg.«

Aus diesen Jahren sind Bilder überliefert von einem hochgewachsenen Mann im Afro-Look, der die unmöglichsten Bälle aus der Luft pflückte. Abrahams stieg auf zum Spielertrainer von Maritzburg, er spielte gegen die besten schwarzen und farbigen Kicker, gegen Stars wie Jomo Sono oder Lucas Radebe. Aber dann, als erfolgloser Coach von Santos Cape Town, holte ihn der Rassismus wieder ein. »Wir brauchen einen weißen Trainer«, erklärte der Manager. »Du weißt ja, wie das ist mit uns Farbigen, wir machen alles, was der weiße Mann sagt.« Abrahams saß wieder einmal auf der Straße und hatte nicht einmal mehr zehn Rand, um Benzin für die Heimfahrt nach Manenberg zu tanken.