Nuradiye schreibt den Namen ihres fünfjährigen Sohnes in großen Druckbuchstaben in das Aufgabenheft: YASSIN. Yassin malt die Buchstaben nach, in rot und grün. "Und jetzt schreib deinen Namen alleine", liest Nuradiye die nächste Aufgabe vor. Yassin wählt Bleistiftgrau wie seine Mutter und versucht sich an den nächsten Buchstaben. "Mein ‚s’ ist besser als das von Anne", sagt er stolz. "Anne" ist türkisch und heißt "Mama". Es ist das einzige nichtdeutsche Wort, das sich in die fünfzehnminütige Übungszeit mogelt.

Diese Viertelstunde ist das tägliche Pensum von Mutter und Sohn im Rahmen des Förderprogramms Hippy. HIPPY steht für ‚Home Instruction for Preschool Youngsters’ und heißt übersetzt soviel wie ‚Hausbesuchsprogramm für Eltern mit Vorschulkindern’. Mütter werden zwei Jahre lang regelmäßig von anderen Migrantinnen besucht, die als Hausbesucherinnen geschult wurden. Sie leiten die Mütter an, mit ihren Kindern auf Deutsch zu spielen, Geschichten zu erzählen, zu basteln und zu experimentieren. Für die nächste Übung legt Nuradiye ihrem Sohn ein Arbeitsblatt vor. "Finde unter zwölf Mustern die gleichen heraus und verbinde sie". Ein krakeliger Bleistiftstrich bahnt sich den Weg über die Heftseite.

"Das Material liefert mir Ideen für Spiele mit meinem Sohn – auf Deutsch", sagt Nuradiye. Sie gehört zur zweiten Einwanderergeneration und spricht fließend Deutsch. In ihrer Familie wird dennoch türkisch gesprochen, auch mit den Kindern. "Ich will, dass die Kinder unsere Tradition kennen lernen. Die ist auch sprachlich verankert." Zugleich sollen sie die gleichen Chancen wie die deutschen Kinder haben.

Ihre Eltern, erzählt Nuradyje, hätten sie während ihrer zehnjährigen Schulkarriere nicht unterstützen können. Das will sie anders machen. Nuradiye trägt Jeans und einen eng anliegenden Pullover. Ihre dunkelbraunen Locken sind leger am Hinterkopf zusammengebunden. Ein Kopftuch trägt die Muslimin nie: "Dafür bin ich zu schüchtern", sagt sie. Sie wolle nicht auf der Straße angeschaut werden. "In Deutschland halten sie einen für dumm, wenn man ein Kopftuch trägt". Und mit einer etwas lauteren und festeren Stimme fügt sie hinzu: "Außerdem steht es mir nicht."

Migrantinnen, die als Hausbesucherinnen arbeiten, stammen aus demselben Kulturkreis und haben das Hippy-Programm selbst mitgemacht. Sie kennen die Sprache und Werte der Herkunftskultur und sind vertraut mit den Problemen, die sich aus der Migration ergeben.

1992 waren Bremen und Nürnberg die ersten Städte in Deutschland, die das Konzept entdeckten. Es war vor mehr als 30 Jahren in Israel entwickelt worden, um die Integration der Einwanderer zu fördern. In den 70er Jahren verbreiteten die Wissenschaftler von der Hebrew Universität ihr Konzept in ganz Israel, gegenwärtig werden dort 2.500 Familien mit Hippy gefördert.