Beinahe jeden Tag werden neue scheinbare Enthüllungen, neue Details über die Tätigkeit der BND-Mitarbeiter im Irak bekannt. Jeden Tag gibt es aber auch neue Dementis und neue Relativierungen von Seiten der deutschen Regierung und des Geheimdienstes. Die Sache wird immer unübersichtlicher, aber die Kommentarspalten müssen trotzdem gefüllt werden. Deswegen bemüht man sich vorzeitig um eine allgemeine Schlussfolgerung. Die heißt für fast alle Zeitungen: Rot-Grün hat uns was vorgemacht.

"Der Beweis, dass die rot-grüne Bundesregierung aller wortreich bekundeten Distanz zu den USA zum Trotz auf vielen Ebenen mit Washington kooperiert hat, muss nicht mehr geführt werden. Er ist erbracht. Was bisher an Fakten auf dem Tisch liegt, reicht völlig aus und kann durch weitere Details zwar noch farbenfroh ausgeschmückt werden, eine neue Dimension dürfte sich aber kaum noch auftun", schreibt beispielsweise die Märkische Allgemeine Zeitung . Die Westdeutsche Allgemeine pflichtet bei: "Deutschland war im irakischen Kriegsgeschehen verwickelt". Auch der Tagesspiegel findet: "Am Nein der Regierung Schröder zum Irakkrieg war sehr viel Schein".

Dabei steht es durchaus in Frage, ob die Zeit für solch weitreichende Schlussfolgerungen schon reif ist. Denn allein die Tatsache, dass es einen Verbindungsmann des BND im US-Hauptquartier in Katar gab, reicht wohl nicht aus, um die Positionierung der ehemaligen Regierung wesentlich anders zu beurteilen als zuvor. Entscheidend für die Bewertung muss sein, welche Informationen der Mann in Katar weitergab und wie kriegsrelevant sie wirklich waren. Beides ist bislang noch unklar. Ohne Ansehen der Details aber lässt sich eben in dieser Frage keineswegs ein begründetes Urteil fällen.

Als eine der wenigen, eher besonnenen Stimmen bezweifelt das Handelsblatt , dass man es bei den Enthüllungen der New York Times tatsächlich mit einem Skandal größeren Ausmaßes zu tun hat. Dass Deutschland trotz der prinzipiellen Ablehnung wichtige indirekte Hilfe für den Krieg geleistet habe – etwa bei Lande- und Überflugsrechten – sei ja allgemein bekannt. Im Hinblick auf die Geheimdienstbeamten stellt das Handelsblatt die Gegenfrage: "Wäre es nicht der viel größere Skandal gewesen, wenn die rot-grüne Kriegsablehnung so weit gegangen wäre, dass es keinen Verbindungsbeamten mehr gegeben hätte?" Schließlich seien die USA und Deutschland befreundete Staaten, die beim Kampf gegen den Terror aufeinander angewiesen seien.

Die Welt zieht unterdessen in Zweifel, dass der vom BND angeblich übermittelte Angriffsplan militärisch überhaupt von irgend einem Nutzen gewesen sein kann. "Ein Masterplan für die Verteidigung einer Vielmillionenstadt, die auch Regierungs- und Militärzentrale ist, sieht anders aus. Grundbedingung ist die Ähnlichkeit mit dem realen Terrain", heißt es dort. Die Zeitung zitiert einen "hohen Nato-General" mit den Worten, bei der mittlerweile in der ganzen Welt bekannten Kreiszeichnung handele es sich um nichts, "was ein auch nur mangelhaft ausgebildeter Leutnant als Gefechtsplan vorzulegen wagen würde".

Ein Argument geht bei all dem völlig unter. Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen und außereuropäischen Staaten hat Deutschland keine Soldaten in den Irak entsandt und sich deswegen im Jahre 2003 erheblichen Unmut der Amerikaner zugezogen. Bei der Beantwortung der Frage, ob es eine deutsche Kriegsbeteiligung gab oder nicht, sollte dieses Faktum gelegentlich wieder in die Bilanz einbezogen werden.