Europas Industriepolitiker spielen verrückt. Nicht ganz aus eigenem Antrieb, das stimmt. Aber ohne Zwang - und mit gewaltigem Risiko. Eine Fusionswelle rollt über Europa. In allen möglichen Branchen schließen sich über die Grenzen hinweg Unternehmen zusammen, bilden eindrucksvolle Wirtschaftskolosse. Im europäischen Binnenmarkt ist das grundsätzlich eine gute Sache. Europa macht sich fit, um im Wettbewerb mit den Großen der Welt zu bestehen, seien sie in den USA, China oder anderenorts ansässig. Solange der Wettbewerb  in Europa selbst damit nicht ausgehebelt wird, gilt: Einheit macht Europa stark, auch im weltweiten Überlebenskampf. 

Sollte man meinen. Doch in vielen Hauptstädten der Europäischen Union reagieren Politiker so, als ob es dieses Europa gar nicht gäbe. Und schon gar nicht die Gesetze des Binnenmarktes. Sie verhalten sich auf eine Art, die man als nationalistisch und rechtswidrig qualifizieren muss und die man seit langen Jahren überwunden glaubte.

Einige Fakten. Der italienische Energiekonzern Enel möchte das französische Unternehmen Suez kaufen. Kommt nicht in Frage, sagt die Pariser Regierung und fusioniert flugs Suez mit dem Staatskonzern Gaz de France , um eine Übernahme zu verhindern. Die Italiener wettern, obwohl ihre Politik um kein Haar besser ist. Hat doch die Regierung in Rom zusammen mit der Zentralbank vor einigen Monaten den Einstieg der niederländischen  Bank ABN Amro bei der römischen Banca Nazionale del Lavoro hintertrieben. In Spanien tut die Regierung alles, um zu verhindern, dass die deutsche E.on den heimischen Stromversorger Endesa kauft . Nationales Interesse stehe dem entgegen. Das können wir auch, sagen sich die Polen und lassen nicht zu, dass das italienische Bankhaus Unicredit die polnische Bank BPH übernimmt. Das ist besonders aberwitzig, weil BPH bisher der deutschen Hypovereinsbank  gehörte, die inzwischen von der Unicredit gekauft wurde. Auch die Deutschen sind keine Musterknaben. Es sei nur an das Gezeter erinnert, als der französische Pharmakonzern Sanofi es wagte, den deutsch-französischen Konkurrenten Aventis zu übernehmen. Jeder beschwert sich über den andern - und zieht Mauern um die eigene Wirtschaft hoch.

Selbstverständlich muss es einem Unternehmen und seinen Aktionären erlaubt sein, sich gegen eine ungewollte "feindliche" Übernahme zu wehren. Aber das ist nicht Sache der jeweiligen Regierungen. Dass inzwischen ganz unverfroren gegen dieses Prinzip verstoßen wird, ist ein Alarmzeichen. Einer der Grundsätze des Europäischen Binnenmarktes ist der ungehinderte Kapitalverkehr. Jedes Unternehmen eines EU-Landes darf in jedem anderen EU-Land investieren, also auch Unternehmen kaufen. Grundsätzlich darf es nur einen Grund geben, solches zu verbieten: Der Wettbewerb muss auf jeden Fall erhalten bleiben. Darüber wacht die Brüsseler Kommission, und darum geht es bei den jüngsten Fusionsfällen allenfalls am Rande.

In einer Stufe europäischen Zusammenwachsens,  wo ein deutscher Tourist auf die Azoren fliegt, ohne ein einziges Mal seinen Pass vorzuzeigen, um dann mitten im Atlantik mit der selben Währung zu bezahlen wie in der Kneipe zuhause, wächst ein fundamentales Misstrauen zwischen den Ländern der EU, das längst überwunden schien. Ein Misstrauen, das der europäischen Wirtschaft schadet. Viele Politiker scheinen immer noch nicht verstanden zu haben, dass die Zeiten vorbei sind, in denen sich ein Land einigeln und gegen Begehrlichkeiten von außen abschotten konnte. Heute bedeutet das den sicheren Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Wer heute noch von nationalen Champions träumt und hofft, damit den Weltmarkt zu erobern, der ist zu bedauern. 

Wozu wurde der Binnenmarkt geschaffen, wenn nicht dazu, die Einsicht durchzusetzen, dass Europa ein einziger Wirtschaftsraum werden muss, wenn es in der Globalisierung bestehen will. Wenn schon industrielle Champions, dann europäische. Das mag dem Bürger nicht spontan einleuchten. Ihm machen gewaltige Kapitalverschiebungen und Umstrukturierungen Angst. Das ist verständlich, doch gerade deswegen ist es die Pflicht der Politiker, sich nicht in das Gefasel von strategischen Branchen und nationalen Interessen zu flüchten. Die Europäische Union hat zumindest zwischen ihren Mitgliedern offene Grenzen - oder sie ist keine Union. Reißt die systematische Missachtung europäischer Gesetze beim Binnenmarkt ein, macht bald jede Regierung, was sie will. Der Autoritätsverlust der Brüsseler Kommission ist jetzt schon augenfällig.