Mit Spannung erwartet worden war die am Montag beginnende Zusammenkunft der Staatenvertreter in der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien. Doch die Stimmung im Rund des IAEA-Gebäudes ist merkwürdig gelangweilt. Es könnte nämlich sein, dass dieses "Governors Board Meeting" gänzlich undramatisch verläuft - dank einer diplomatischen Finte. Diese wurde auf dem vorangegangenen Meeting Anfang Februar vorbereitet. In einer Resolution, die vom Iran mehr Offenheit sowie ein vorläufiges Einstellen aller Arbeiten an der Uran-Anreicherung verlangte, war auch der Passus enthalten, dass sie dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zur Kenntnis gegeben werden sollte; außerdem wurde beschlossen, dass der IAEA-Generaldirektor Anfang März einen Iran-Bericht vorzulegen habe, der sodann ebenfalls dem Sicherheitsrat zugeleitet werden solle. In dieser diplomatischen Stufenfolge ließ sich eine Art Ultimatum erkennen: Hätte Iran bis zu diesem Montag eingelenkt, dann wäre es wohl gelungen, trotz eines gewissen Widerstands aus Washington das Thema vom Sicherheitsrat fernzuhalten.

Teheran hat diese Chance nicht genutzt. Selbst als sich am vergangenen Freitag die Außenminister Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands nach Wien begaben, um einen letzten Versuch zu einer Einigung mit Iran zu unternehmen, bewegte sich das iranische Regime nicht. Seine Unterhändler bestanden nicht nur darauf, "mit 20 Zentrifugen Forschungs- und Entwicklungsarbeit" im eigenen Land fortzuführen, sondern sie forderten nach wie vor, Zugang zur großindustriellen Anreicherungsarbeit zu genießen, falls diese - wie die Russen vorgeschlagen hatten - in einem Joint Venture auf russischem Boden stattfinden sollte.

Nun war der Westen in einer diplomatisch bequemen Lage. Denn es existieren ja die Beschlüsse der IAEA-Gouverneure vom Februar. Auf ihrer Sitzung in dieser Woche brauchen sie nur den Bericht von ElBaradei entgegenzunehmen und die Angelegenheit wird automatisch eine des Sicherheitsrats. Freilich weisen westliche Atomdiplomaten darauf hin, dass sie zugleich eine der IAEA bleibe. Die Vorstellung, nunmehr werde der Fall an den Sicherheitsrat "überstellt" oder "überwiesen", sei irrig. Gleichwohl könne das UN-Gremium der Arbeit der IAEA zusätzliche Autorität verleihen.

Bis zum Montagnachmittag ist das Thema Iran auf dem Treffen des Gouverneursrates der IAEA noch nicht angesprochen worden. Vermutlich wird dieser weit hinten befindliche Tagesordnungspunkt erst in den allerletzten Stunden des Meetings erreicht werden. Das könnte, legt man die Zeitplanung des UN-Sicherheitsrats in New York zugrunde, der für den Besuch des IAEA-Chefs ElBaradei den 9. März freigehalten hat, am kommenden Mittwochnachmittag der Fall sein.

Vom New Yorker Gremium ist vorerst nicht zu erwarten, dass es mehr tun wird, als sich den Ägypter anzuhören und seine Forderung an den Iran zu wiederholen, die Zusammenarbeit mit der IAEA zu verbessern. Die vom amerikanischen UN-Vertreter Washingtons, John Bolton, ins Spiel gebrachte 30-Tage-Frist, binnen derer Teheran seinen Kurs ändern müsse, dürfte einer späteren Eskalationsstufe vorbehalten bleiben, ist aus Wiener Diplomatenkreisen zu hören. Denkbar ist freilich, dass die Amerikaner auf der Sitzung des Sicherheitsrats wieder einmal ein paar Dias zeigen; sie sind seit beinahe zwei Jahren im Besitz eines im Iran entwendeten Laptops, dessen Festplatte angeblich Pläne für den Bombenbau enthält.

In Wien reagiert man auf dieses Thema mit einer gewissen Müdigkeit. Bisher könne man dem Iran nichts nachweisen - außer eben die etliche Jahre währende Heimlichtuerei und die in mehreren Fällen verweigerte Zusammenarbeit mit IAEA-Inspektoren. Mit größerer Aufregung indes wird das indische Thema quittiert: Der amerikanische Deal mit Indien "mag den strategischen Interessen der Vereinigten Staaten nützen, aber er schadet dem Atomwaffensperrvertrag", sagt ein den USA durchaus nahe stehender Diplomat. Das Prinzip des Vertrages, dass - abgesehen von den fünf Atommächten USA, Frankreich, Großbritannien, Russland und China - nur diejenigen Länder von nuklearer Zusammenarbeit profitieren dürfen, die nicht nuklear rüsten, sei damit durchbrochen. Und warum dieses Timing, also der Abschluss des Delhi-Deals kurz vor dem IAEA-Meeting? "Purer Zufall" heißt es in Wien; das könne aber auch bedeuten: "Zufall - und es ist Washington vollkommen egal."