Es geht schon gegen Mitternacht, als ein italienischer Journalist – gekleidet in eine Frage an Marcello Lippi, den italienischen Teamchef – auf der Pressekonferenz in den Katakomben des Stadio Artemio Franchi in Florenz ausspricht, was alle gesehen hatten: "Signor Lippi", spricht der Kollege, "war Deutschland heute nicht unglaublich schlecht, viel zu schlecht, um wahr zu sein?".

Lippi antwortet, nach einem kurzen Moment des Innehaltens. Er will höflich sein, diplomatisch, generös. So, wie man es sich erlauben kann, zu formulieren, wenn man weiß, dass man gerade etwas Großes geleistet hat: "Ich habe heute nur auf meine Mannschaft geachtet, Deutschland habe ich heute nicht gesehen." Das Team von Jürgen Klinsmann war bei diesem Freundschaftsspiel in der Tat nicht präsent gewesen. Es blieb Lippi vorbehalten, dies zum Ausdruck zu bringen und so blieb es, auch weit nach Spielschluss, ein Abend der Italiener.

Während Lippi mit großer Gelassenheit die Vorzüge seiner Mannschaft pries, gab sich einige Stockwerke tiefer der deutsche Kapitän Michael Ballack nachdenklich. Solch ein Spiel, erläuterte der Münchner Mittelfeldmann, mache doch eine Menge kaputt, vor allem das Selbstbewusstsein. Und dann sagte er einen Satz, der das Geschehen auf dem Platz in einen fürwahr deprimierenden Zusammenhang stellte: "Die besten Spieler", sagte Ballack, "die besten Spieler, die wir haben, die hatten wir heute dabei."

Eine in Bestbesetzung angetretene deutsche Fußballnationalmannschaft hatte vor 28.000 Zuschauern gegen eine furios auftrumpfende, stark ersatzgeschwächte italienische Mannschaft mit 1:4 (0:3) verloren. Das kann passieren, zumal, wenn – die Gründe sind bekannt – einige der deutschen Profis zur Zeit in ihren Vereinen nur zweite Wahl und damit für ein solches Match mit Wettkampfpraxis nur unzureichend ausgestattet sind.

Viel einschneidender als die Beobachtung kompletter Hilf- und Wehrlosigkeit, wie sie in den ersten 45 Minuten zu diagnostizieren war, ist der Umstand, dass von kontinuierlichen Fortschritten, von der von Jürgen Klinsmann auch nach diesem Spiel wieder beschworenen Fort- und Weiterbildung der jungen Truppe nichts zu sehen war: Zurück auf Los – so lautet die ernüchternde Diagnose, außer ihrer Jugend konnte man für das deutsche Team argumentativ nicht viel ins Feld führen.