Der Europäischen Union mangelt es nicht an Visionen. In den kommenden Jahrzehnten will sie militärisch auf globaler Ebene mitspielen. "Die Sicherheits- und Verteidigungspolitik ist ein vereinender Zukunftspfeiler der EU", sagte der österreichische Verteidigungsminister Günther Platter beim informellen Treffen mit seinen EU-Kollegen in Innsbruck nicht ohne Stolz. Unpassend nur, dass alltägliche Herausforderungen da schnell in kleinliches Hickhack münden können: Der Militäraktion zur Unterstützung der Wahlen im Kongo droht dieses Schicksal.

An Chefdiplomat Javier Solana war es wieder einmal, dem Mangel an Gemeinsamkeit unter den 25 EU-Mitgliedern Gutes abzugewinnen. Man stehe doch erst am Anfang der Beratungen, wiegelte er Kritik an den Planungen ab. "Alles wird ganz professionell erledigt." Das provozierte bei Konferenzteilnehmern unfreundliches Stirnrunzeln. Denn Solana präsentierte in Innsbruck für die von ihm selbst mit 1000 Mann veranschlagte Truppe nur 40 feste Zusagen: 30 Polen und zehn Österreicher. Hinter letzteren vermuteten manche eine freundliche Geste des österreichischen Gastgebers.

Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung warnte angesichts der vagen Zusagen davor, das Vorhaben schon für gescheitert zu erklären. Er habe sehr wohl positive Signale einiger Kollegen vernommen, Soldaten zu stellen. Diese wollten schlicht besser informiert werden, was denn der Bedarf sei. Die Unklarheiten sind allerdings verwunderlich, denn schon seit Januar beschäftigt sich die EU mit der Bitte der Vereinten Nationen, Soldaten zur Sicherung der Wahlen am 18. Juni in das zentralafrikanische Land zu schicken. Es wäre die erste freie Abstimmung in dem von Kleinkriegen aufgeriebenen Land von der Größe Westeuropas seit 1960, als es die Unabhängigkeit von Belgien erlangt hatte.

Inzwischen haben die militär- und sicherheitspolitischen Gremien der EU auch einen Bericht einer Erkundungsmission am Ort auf dem Tisch, die ein deutscher General geleitet hatte. Wenigsten in groben Zügen müsste also den 25 Mitgliedstaaten klar sein, was die Operation erfordert. Nirgendwo steht geschrieben, dass an EU-Militäraktionen alle teilnehmen müssen. Was lässt die Sache also stocken? Dass so niemand richtig begeistert von diesem symbolischen Unternehmen ist, sagten Diplomaten und verwiesen darauf, dass bestenfalls 400 europäische Soldaten in der Hauptstadt Kinshasa für vier Monate präsent sein werden. Die Mehrzahl der Menschen im Kongo wird sie nie wahrnehmen.

Immerhin stehen Frankreich und Deutschland offensichtlich bereit, die größte Last zu schultern, wenn andere guten Willen zur Kooperation zeigen. Die Franzosen hätten das Kommando in Kinshasa, die Deutschen hätten die Einsatzkontrolle im Hauptquartier in Potsdam, erläuterten Diplomaten die Planspiele und zeigten auch gleich auf eins der zentralen Probleme. Solana hoffte offensichtlich in Innsbruck darauf, dass Jung die Führungsrolle annimmt und ihn damit auch von der größten Schwierigkeit befreit: das Truppen-Sammeln. Doch der Deutsche ließ den Schwarzen Peter bei Solana. Das Engagement der Bundeswehr hänge von einer fairen Lastenverteilung unter möglichst vielen Partner ab. Und die muss nun Solana sicherstellen.

Martin Romanczyk, dpa