Lobbying konzentriert sich vor allem auf die einflussreichen Personen im Regierungsapparat und den Fraktionsspitzen, die Entscheidungen vorbereiten und durchsetzen. Dieser Personenkreis umfasst die gesamte Ministerialbürokratie mitsamt dem Kanzleramt, die Referenten in den Regierungsfraktionen, wichtige Politiker wie Ausschussvorsitzende oder Fraktionssprecher für zentrale Politikbereiche wie Gesundheit, Rente, Finanzen und Wirtschaft. Die Lobbyisten wollen Gesetzentwürfe möglichst schon in der Entstehungsphase prägen und als bedenklich empfundene Konzepte "frühzeitig versenken".

Im Kampf der Interessen haben sich in den vergangenen Jahren wesentliche Faktoren im parlamentarischen Machtgeflecht verändert.  Die Einträge in der "Lobby-Liste" des Deutschen Bundestages nehmen kontinuierlich zu und liegen gegenwärtig bei knapp 1.900 Verbänden. In Berlin, so wird geschätzt, gibt es rund 4.500 Lobbyisten. Für Brüssel schwanken die Schätzungen zwischen 10.000 und 25.000 Lobbyisten. Zu ihnen gehören immer mehr Repräsentanten einzelner Konzerne.

Das moderne Lobbying unterscheidet sich grundlegend von der verbandlichen Interessenvertretung der vergangenen Jahrzehnte. Besonders die großen Wirtschaftsverbände arbeiten ständig  mit den entsprechenden Ministerien zusammen. Die Expertenstäbe auf beiden Seiten verfügen über jahrelang gewachsene persönliche Kontaktnetzwerke. Zudem hatten die Verbände überwiegend  den Anspruch, den nackten Interessenkampf zu zähmen und breitere Interessen zu formen.

Anders ist dies beim Lobbying. Es ist punktueller und situationsbezogener. Es artikuliert in der Regel ein konkretes, eng definiertes Einzelinteresse. Im Fall der Strom- und Gaspreise war dies das Interesse der vier Energieerzeuger, E.on, RWE, Vattenfall und EnBW an hohen Preisen in ihren Versorgungsgebieten. Die Energiemärkte wurden mit Hilfe der Politik neu aufgeteilt; vom versprochenen Wettbewerb hat der Verbraucher bislang jedoch nicht profitiert.

Neue Akteure ohne Legitimation  im Regierungsviertel

Die Partikularisierung der Interessenvertretung hat Folgen für den Politikbetrieb.  Der schwedische Energiekonzern Vattenfall beispielsweise hatte die Lobby-Agentur Wirtschaft, Medien, Politik (WMP) beauftragt, Kontakte zu knüpfen, um den Kauf der ostdeutschen Energieversorger einzufädeln. Immer mehr Konzerne leisten sich sogar ein eigenes Lobbybüro in Berlin und Brüssel. In Berlin gibt es rund 100 davon. Hinzu kommen etwa 30 Agenturen, die Lobbying als Dienstleistung anbieten und immer mehr international tätige Anwaltskanzleien, die bei der Gesetzgebung mitmischen.

So hat die SPD-Fraktion zum Ende der ausgelaufenen Legislaturperiode das neue Gesetz zu Öffentlich-Privaten Partnerschaften zum Teil  von der Kanzlei  Hogan & Hartson Raue L.L.P. mit Sitz am Potsdamer Platz in Berlin schreiben lassen. Das Gesetz schafft die Grundlage dafür, dass Straßen und öffentliche Gebäude von Privaten gebaut und betrieben werden können. Zwar waren in den verschiedenen Arbeitsgruppen auch Parlamentarier am Arbeitsprozess beteiligt.  Der Fall zeigt aber: immer häufiger kommen Gesetzesentwürfe nicht mehr aus der Ministerialbürokratie, sondern von Lobbyisten und politikberatenden Think Tanks.