Vor ihrem letzten Konzert in Berlin fährt sie ins Krankenhaus. Trotzdem stellt sich Miriam Makeba danach auf die Bühne und singt. Ein kurzes „Pata Pata“, ein angedeuteter Hüftschwung. Doch sie ist erschöpft. Ausgerechnet dieses Stück hat sie berühmt gemacht. Der, wie sie sagt, inhaltlich unbedeutendste ihrer Songs. Doch wurde er zu ihrer Hymne und damit zu einem Symbol der südafrikanischen Freiheitsbewegung. © Katharina Langer für ZEIT online

Die Flure im Adlon-Hotel sind weich mit Teppich gepolstert. Von der Empore im ersten Stock, die zu den Konferenzräumen führt, ist das Brandenburger Tor nicht zu sehen. Hier gibt es keine Fenster, nur das weiche gelbe Hotellicht, aus dem sich sanft dunkle Holzmöbel hervorheben und ein abgeschlossener Flügel. Eine kleine Schlüsselöffnung führt in das innere Dunkel des Klaviers. Die verschlossene Musik - ein Sinnbild für die Sängerin, deren Musik dreißig Jahre lang in ihrem Land verboten war und nur im Geheimen zu hören. Eingeschmuggelt auf Kassetten oder unter Ladentischen gehandelt.

An diesem Wintertag, dem 17. Dezember 2001 ist sie nach Berlin gekommen, um die Otto-Hahn-Friedensmedaille entgegenzunehmen. Als erste Frau und gleichzeitig erste Vertreterin des afrikanischen Kontinents, verliehen durch die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen. Sie sei in den Jahren der Apartheid mit ihren Liedern und Reden vor der UN-Vollversammlung 1963 und 1975 die Friedensbotschafterin ihres Landes gewesen. Und auch nach dem Ende der Apartheid sei „die Stimme Afrikas“ mit ihrem mutigen Engagement ein Leitbild für Menschenrechte, Menschenwürde und Toleranz.

Der Himmel hat sich wie eine Decke aus hellem Grau über die Stadt gelegt und das nebelige Licht dämpft die Geräusche. Vor der Preisverleihung gibt sie an diesem Morgen eine Pressekonferenz. Sie erscheint mit ernstem Gesicht auf dem Podium, in einem traditionellen Gewand und einem Band um die Stirn. Ihre Hände liegen ruhig auf dem Tisch. Sie spricht von den Problemen, die das Land hat und die bisher verdrängt wurden. Armut, Analphabetismus, Gewalt innerhalb der Familien, Kindesmissbrauch und Aids. Sie selbst habe ein Projekt ins Leben gerufen, zum Schutz von Frauen und Mädchen gegen Gewalt und Missbrauch, aus ihrer Sicht auch Folgeschäden der Apartheid-Politik.

Miriam Zenzi Makeba wird an einem Herbsttag geboren, am 4. März 1932 in Prospect Township, nahe Johannesburg. Sie wächst bei ihrer Großmutter auf, zusammen mit 21 Cousins und Cousinen. Nach dem Krieg bekommen die zurückgekehrten schwarzen Soldaten anstatt der versprochenen Rente zehn Pfund und ein Fahrrad. In den Townships wird in jedem Haus ein Plastiklautsprecher für das Propagandaradio der Regierung installiert: „Radio Fusion“.

Miriam Makeba singt im Schulchor und später mit den Cuban Brothers. Dort wird sie bei einem Auftritt Anfang der fünfziger Jahre von den Manhattan Brothers entdeckt, der damals bekanntesten Gesangsgruppe in Südafrika. Auf Anregung der Plattenfirma Gallotone gründet sie auch ein eigenes Gesangstrio, die Skylarks, und tritt in der Show African Jazz & Variety auf. Hier sieht sie der amerikanische Regisseur Lionel Rogosin, der einen Dokumentarfilm über das Leben der Schwarzen in Südafrika machen möchte. Es wird nachts gedreht, heimlich. Während der Film außerhalb Südafrikas geschnitten wird, singt Miriam Makeba die Hauptrolle in der Jazzoper King Kong über das Leben des schwarzen afrikanischen Box-Legende Ezekiel „King Kong“ Diamani.

Als der Film nominiert wird, lädt Rogosin sie 1959 zur Premiere nach Venedig ein. Sie komponiert das Lied Miriam´s Goodbye To Africa und nimmt es am Tag vor ihrer Abreise auf. Ohne zu wissen, dass es ein Abschied ohne Wiederkehr sein wird. Rogosin hat den Film Come Back Africa genannt, nach der Hymne der Widerstandsbewegung des ANC, des African National Congress. Es ist ein sozialkritischer Film, der dazu führt, dass Miriam Makeba nicht mehr in Südafrika einreisen darf. Ihr Pass wird ungültig gestempelt.

In London lernt sie Harry Belafonte kennen. Er weiß nicht, dass er in Südafrika ein Star ist. Alle haben seinen Film Carmen Jones gesehen und seine Songs wurden in die verschiedenen Stammessprachen übersetzt. Auf Einladung Belafontes fliegt sie nach New York und singt vier Wochen lang im Jazzclub Village Vanguard. Im Publikum sitzen Sidney Poitier, Duke Ellington, Nina Simone und Miles Davis. Sie ist in New York eine Exotin, jeder möchte die südafrikanische Sängerin sehen, die in dieser seltsam schönen Sprache mit den Click-Lauten singt und ihren Körper bewegt, als würde sie einen Hula-Hoop-Reifen um sich drehen. Auch der Dichter Langston Hughes kommt ins Vanguard und schenkt ihr einen Band mit seinen Gedichten. Eines davon heißt Alone . „ We cry among the skyskrapers/ As our ancestors/ Cried among the palms in Africa/ Because we are alone,/ It is night/ And we´re afraid.