Anfang November fragte ich meine Freundin nach ihrem Weihnachtswunsch. Einen MP3-Player mit tausend Songs, "aber alle müssen mir gefallen", kam es prompt zurück. Nicht ahnend, worauf ich mich für die folgenden anderthalb Monate einließ, nahm ich die Herausforderung an. Dabei wurde ich nur von Geistern eingeholt, die ich selbst gerufen hatte.

Das goldene Zeitalter der Schallplatte liegt nur einen Steinwurf zurück. LPs konnten wir uns demonstrativ unter den Arm klemmen. Trophäen, die jeder sehen konnte, wenn wir sie nach Hause trugen. Freilich hatten wir damals keinen Schimmer, dass dem Vinyl schon kurze Zeit später ein spezieller Geruch zugeschrieben werden sollte. Ich selbst war immer sehr darauf bedacht gewesen, mit dem Dorn des Plattentellers präzise das Loch zu treffen. Die Schrammen auf dem Label bezeugten den Abnutzungsgrad der Scheibe. Bestimmte Knackser brannten sich derart tief in mein Bewusstsein ein, dass ich sie noch heute – zwei Jahrzehnte nach dem Aufkommen der CD – vermisse.

Der Umstieg von Vinyl auf CD glich einem Verrat. Den Überläufern drohte lebenslange Ächtung. Dann lockten Bonus-Tracks, und die Reihen der Konservativen begannen sich zu lichten. Als die Hauben unserer Plattenspieler zur Abstellfläche von CD-Stapeln wurden, galt das als Fortschritt. Trotzdem erfüllte es uns mit Genugtuung, neue Medien wie die Digital Compact Cassette oder Minidisc scheitern zu sehen. Nein, bis zur CD sind wir noch mitgegangen und gewisse qualitative Modifikationen wie die SACD abgekürzte Super Audio CD nehmen wir noch zur Kenntnis, aber weiter würden wir keinesfalls gehen. Musik aus dem Netz – alles Quatsch, widerspricht es doch dem menschlichen Wunsch nach Berühren und Berührtwerden!

Vor zwei Jahren hat meine Tonträgergewissheit dann einen ersten Kratzer bekommen, als ich jene unheilbar Fortschrittsgläubigen entdeckte, die ihre Musik beim Laufen aus Zigarettenschachteln zapften. Sie waren im Gegensatz zu mir nicht damit beschäftigt, ihren Discman beim Joggen in der richtigen Balance zu halten. Mit den Nachteilen der neuen Geräte tröstete ich mich: Maximal anderthalb Stunden Spieldauer und minimale Soundqualität. Ich war also immer noch auf der richtigen Seite!

Wenig später kaufte ich mir eine MP3-Büchse mit einem ganzen Gigabite Speicherkapazität. Im Nu hatte ich genug Songs im Sack, um ausgiebige Runden um den See drehen zu können. Das Gerät spielte die Stücke jedoch nicht nach meinen Wünschen ab, sondern willkürlich. Songs wurden aus ihrem Zusammenhang gerissen, in einen neuen gestellt. Der Speicher wurde schnell zu klein, und ein Gerät mit zwanzig Gigabyte, genug für 3.500 Songs, musste her. Was mich anfangs störte, machte mir bald Spaß: Ich hörte meine CDs nicht mehr als Alben, sondern durcheinander. Was zu komplex oder einfach, zu laut oder leise, zu lang oder kurz, zu dynamisch oder asymmetrisch war, drückte ich weg.

Aber der Klang! Manches alte Stück wummerte im Vergleich zu glasklaren neuen Produktionen. Musste ich etwa schon wieder alles, was älter als zehn Jahre war, in remasterten Versionen kaufen, wie einst beim Umstieg von Vinyl auf CD? Dann brachte mich jemand auf die Idee, mehrere Verzeichnisse anzulegen, nach Klangqualität geordnet. Horrido! Ich war im Himmel. Die Musik der Welt hatte ich zeitlich und nach Qualität sortiert in der Tasche. Ich fühlte mich wie in früher Jugend, als beide Daumen unentwegt auf den Aufnahmetasten meines Kassettenrekorders klebten. Gibt’s was Schöneres auf Erden, als die eigene Verführbarkeit zu spüren?

Heute gehe ich nicht mehr ohne die Dreifaltigkeit von Schlüsselbund, Mobiltelefon und Klimperdose aus dem Haus. Und meine Freundin hat ihre tausend Songs dabei.

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