Den Mann mit dem Schnauzbart und der Brille trennten weniger als fünf Meter vom weißen "Papamobil", dem offenen Wagen des Papstes. Johannes Paul II. war soeben, von zwei Pistolenschüssen getroffen, auf der Rückbank des Autos seinem Sekretär in die Arme gefallen, als der Schnauzbart den Hals reckte, um besser sehen zu können. Der Moment wurde auf einem Foto festgehalten, das um die Welt ging. Es war der 13. Mai 1981, auf dem Petersplatz hatte der Türke Ali Agca auf den Papst geschossen und ihn schwer verletzt. Im Auftrag kommunistischer Geheimdienste, heißt es jetzt in einem Bericht des Untersuchungsausschusses "Commissione Mitrokhin" im italienischen Parlament.

Die Abgeordneten ließen das Foto mit dem schnauzbärtigen Brillenträger zwei Mal erkennungsdienstlich untersuchen. Das Ergebnis: Es handelt sich um den Bulgaren Sergej Antonov, offiziell Leiter des römischen Büros der Fluglinie Balkan-Air, nebenberuflich aber ein Agent des Geheimdienstes. "Antonov stand auf dem Petersplatz im Rücken Ali Agcas", erklärte Ausschusspräsident Paolo Guzzanti am Mittwoch Abend im Parlament.

Der Türke Ali Agca hatte neben anderen höchst nebulösen Theorien über seine angeblichen Auftraggeber immer wieder die Existenz einer "bulgarischen Spur" behauptet, seine Anschuldigungen aber nie schlüssig belegen können. Johannes Paul II. selbst hatte kurz vor seinem Tod im April 2005 erklärt, er sei überzeugt, dass der Anschlag nicht nur die Einzeltat Agcas gewesen sei.

Der Kommissionsvorsitzende Guzzanti wechselte nach einer Karriere als linker Journalist in die Berlusconi-Bewegung "Forza Italia", und vertritt diese inzwischen im Senat. Das zweite Gutachten für das Antonov-Foto wurde indes von den Linksdemokraten in Auftrag gegeben. Der Bulgare war bereits 1982 von der italienischen Antiterroreinheit Digos verhaftet worden, später aber von einem italienischen Gericht aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf der Mittäterschaft freigesprochen worden.

"Die bulgarische Spur führt in Wirklichkeit in die Sowjetunion", sagte Guzzanti. Die Kommission sei ohne jeden Zweifel zu dem Schluss gekommen, dass das von Leonid Breschnew geführte Politbüro dem militärischen Geheimdienst den Auftrag erteilt habe, Johannes Paul II. zu eliminieren. Der Papst wurde von den kommunistischen Machthabern als Gefahr betrachtet. Inzwischen ist seine Bedeutung für den Zusammenbruch des Regimes vor allem in seinem Heimatland Polen unbestritten.

Die Theorie von der Mittäterschaft kommunistischer Geheimdienste bei dem Anschlag gegen Karol Wojtyla ist nicht neu, doch stützen die Parlamentarier sie nun durch Material, das sie in zahlreichen Reisen und Verhören erworben haben. Der Untersuchungsausschuss war ursprünglich eingerichtet worden, um die italienischen Namen auf einer Liste des KGB-Überläufers Mitrokhin zu ermitteln und beschäftigte sich auch mit der Rolle der Geheimdienste in der Entführung und Ermordung des italienischen Christdemokraten Aldo Moro.