Polis und Thetis haben den Durchblick verloren. "Ihr seht super aus!" freut sich dagegen Regisseur Holger Müller-Brandes über das Eintreffen eines besonders markanten Teils ihrer Bühnenkostüme. Über das Gesicht gezogen, sehen die neuen Kopfbedeckungen wie Fechtmasken aus und behindern die Sicht nicht unbeträchtlich. Hochgeschoben erinnern sie an sakrale Kochmützen. Die beiden mythologischen Figuren tragen es mit Fassung.

Während die Kostüme fast fertig sind, hakt die Dramaturgie noch immer an einer Szene aus dem ersten Akt. Polis und Thetis streiten sich hier um den Körper des Selbstmörders Carlo. In der literarischen Vorlage einigen sie sich, indem aus Carlo zwei Personen werden. Doch wie lässt sich die Teilung auf der Bühne darstellen? Seit Wochen brütet Müller-Brandes über dieser Frage und probiert immer wieder neue Varianten. Mal zerren die göttlichen Gestalten von beiden Seiten an Carlo, dann überreichen sie sich verschiedene Gegenstände, die Carlo symbolisieren sollen. "Das versteht doch kein Mensch", lautet stets das Fazit des Regisseurs.

Die rettende Lösung kommt vom Regieassistenten Adrian Wenck. Aus Pappe und Klebestreifen hat er eine Axt gebastelt. Was man damit macht, das kapiert nun wirklich jeder. "Ich danke Adrian für die Herstellung dieser Streitaxt", sagt Müller-Brandes, "doch die Szene wird sich noch sehr häufig ändern, bis sie fertig ist." Sein Assistent überhört den skeptischen Unterton, weil er bereits mit der Konstruktion weiterer Schlachtgeräte befasst ist.

Auch die Sängerinnen und Sänger arbeiten noch an grundsätzlichen Fragen der Darstellung. Während die klassische Oper eine Grammatik der Bewegungen vorschreibt, lässt sich zu Pit Przygoddas Popmusik-Kompositionen freier agieren. Der Tenor und Carlo-Darsteller Dirk Mestmacher schlägt eine Steppeinlage vor und legt ohne Zögern in seinem engen Trenchcoat los. Wie so häufig während dieser Proben schweigen die Umstehenden für einen Moment, um sich dann verblüfft zuzunicken.

Nach einer kurzen Pause stürmt der Regisseur die Halle im Laufschritt: "Oh Gott, bin ich froh", sagt er, "ich weiß jetzt, wie wir die Szene lösen!". Die Axt wird nicht gebraucht, auch kein anderes Symbol und erst recht kein Zerren. Polis und Thetis stellen sich einfach auf die Galerie und erzählen die Geschichte von der wundersamen Teilung, es stehe doch schließlich alles im Text.

Wie der Regisseur darauf gekommen ist? "Adrian hat’s mir draußen gesagt." Der so Gelobte verbeugt sich kurz. Seine Hände halten noch die Papp-Axt, die jetzt wohl doch nicht zum Einsatz kommen wird. Er hat sie nur gebraucht, um einen gordischen Knoten zu durchtrennen. Symbolisch.

Hier eine Bildergalerie zu der Probe