Am Tag nach Karneval wird die beste Büttenrede fad. Schreibt die Leipziger Volkszeitung an diesem Donnerstag: "Es war wie im Bundestag: Nicht einmal der starke Tobak der Opposition drang am Aschermittwoch so recht durch die bierselige Stimmung: Öde statt knisternd war's. Politik und Publikum im Schongang der Erwartungsstarre." Warum, erklärt uns die Rheinische Post : "Politischer Aschermittwoch und große Koalition sind natürliche Feinde. Wenn die Gegner plötzlich Partner sind, hat die robuste Attacke zwischen Schwarz und Rot Pause."

So ist das. Bleibt noch zu bemerken, dass zumindest kleine Unterschiede zwischen den Parteien sichtbar blieben, wie wiederum die Leipziger Volkszeitung feststellt, und dass Schwarz-Rot eben nur eine Lebensabschnittspartnerschaft sei, wie die Rheinische Post fortfährt.

Über die wirklichen Probleme wurde dagegen nichts gesagt. "Die liegen da wie aufgebahrt. Ansonsten herrscht ein bemerkenswert blauäugiges Vertrauen darein, dass die gegenwärtig gute Stimmung im Land erhalten bleibt", schreibt die Süddeutsche Zeitung. Und die Welt rechnet vor: "Zum ersten Mal seit den sechziger Jahren steht eine Regierung einer Opposition gegenüber, der alle Mittel fehlen, sie anzutreiben. So scheint es, als hätte die Kanzlerin nach den ersten hundert noch weitere 1360 recht bequeme Tage vor sich im Amt."

Nach so viel "War-das-langweilig"-Lektüre fragt man sich, weshalb man die Zeitungen überhaupt zur Hand nahm. Doch dann dies: "Die Große Koalition aus Union und SPD hat einen Zaun um das politische Bewusstsein der Bürger gebaut und ein relativ konfliktfreies politisches Spielfeld zu ihrem Handlungsfeld erkoren." Solches schreibt Ulrich Pfeifer, seines Zeichens Sprecher des Managerkreises der Friedrich-Ebert-Stiftung, in der Financial Times Deutschland .

Will sagen: Rente ab 67, Mehrwertsteuererhöhung, Gesundheitssoli - alles Dinge, um die es sich wacker streiten ließe, wenn denn irgendjemand wollte. Doch taugt keiner dieser Schritte dazu, die wirklichen Fragen zu lösen : Was tun gegen das gigantische Arbeitslosenproblem? Wie die Qualität des Gesundheitswesens erhöhen und gleichzeitig die Ausgaben senken? Wie den Sozialstaat reformieren und auf welche Weise: angelsächsisch oder skandinavisch?

Offenbar hoffen immer noch zu viele Politiker der Koalition, man müsse sich den Ärger nicht weiter antun, den ernste Reformen auslösen. Und so bleibt auch die Debatte darum stecken, welche Art von Staat wir in Zukunft wollen. Die Bürger haben "der großen Koalition durchaus Vertrauensvorschuss gewährt, aber den muss die Regierung nun auch rechtfertigen", schreibt die Neue Osnabrücker Zeitung .

So ist es. Doch die Bürger müssen auch selbst fortschreiten. In der Arbeitswelt haben sie das längst getan, haben flexible Arbeitszeitmodelle und Einkommensregelungen entwickelt, lange bevor Staat und Tarifparteien überhaupt bereit waren, darüber zu diskutieren. Auch in das Gesundheitswesen kommt Bewegung. Da gründen beispielsweise Ärzte verschiedener Fachrichtungen, Ergotherapeuten und Krankengymnasten Gesellschaften, um ihren Patienten eine ganzheitliche Versorgung anzubieten. Und machen sich bereit, eines Tages unabhängig Verträge abschließen zu können, etwa mit Krankenkassen oder anderen Leistungserbringern. Wenn es also schon der schwachen Opposition kaum gelingt, die Koalition anzuschieben: Warum sollten dann nicht die Bürger das Heft selbst in die Hand nehmen?