Nur noch Wasser und Brot für Roland Koch und Edmund Stoiber! Ganz so hat es die Süddeutsche Zeitung in ihrem Kommentar zur Föderalismusreform dann doch nicht formuliert. Aber fast: "Eine wirkliche Föderalismusreform muss den Ländern mehr nehmen als geben. Das setzte allerdings voraus, dass die Ministerpräsidenten sich eigenhändig entmachten. Vielleicht müsste man dafür bis auf die Goldene Bulle von 1356 zurückgreifen, als Karl IV. das Heilige Römische Reich reformierte. Sie schrieb vor, die Kurfürsten auf Wasser und Brot zu setzen, solange sie sich auf keinen neuen Herrscher einigen konnten."

Eine hübsche Vorstellung: 16 Ministerpräsidenten , die sich nach Wochen des verdrossenen An-Brotkanten-Kauens darauf einigen, die Geschicke der Republik allein in die Hände von  Bundeskabinett und Bundestag zu legen und sich auf Wasserschutzverordnungen und die Farbe der Gefängniswärteruniformen zu konzentrieren. Es wird wohl nicht so kommen, selbst wenn die Länder nach der Reform nicht mehr sechzig, sondern nur noch vierzig Prozent der Bundesgesetze zustimmen müssen. "Das ist auch richtig so", schreibt die Frankfurter Allgemeine , "denn sonst würde Deutschland in den nächsten Jahren zu nichts anderem kommen als zum Lecken geschlagener Wunden."

Nun kann man dennoch viel kritisieren an der geplanten Reform : beispielsweise, dass sie den Umweltschutz, die Bildung, die Beamtenbesoldung und den Strafvollzug allein der Entscheidungsmacht der Länder überlässt und diese dafür vergleichsweise wenig Vetorechte im Bundesrat abtreten müssen. Doch statt sich auf solche Details einzulassen, zaubern gleich mehrere Tageszeitungen eine ganz andere - schon leicht zerfranste - Taube aus dem Hut.

Da schreibt die Welt : "Und sowenig geklärt wie die heillosen Finanzbeziehungen bleibt in diesem Provisorium die Frage, warum wir Bundesländer haben."  Auch der Mannheimer Morgen bemängelt, das "wahre Problem", nämlich "die Schaffung von gleich starken und damit wettbewerbsfähigen Ländern", sei gar nicht angefasst worden. Ebenso der Münchner Merkur: "Noch nicht einmal für den Beginn einer Debatte über eine Länderneuordnung hat der Reformermut von Merkels Koalition gereicht." Schließlich die Sächsische Zeitung : "Noch besser wäre das Ende des Unsinns von 16 Bundesländern, von denen einige erwiesenermaßen allein nicht überlebensfähig sind."

Nun ist es richtig, dass die meisten westdeutschen Bundesländer nicht aus dem Bestreben gebildet wurden, kulturelle Identitäten historisch gewachsener Einzelstaaten zu erhalten. Mit Ausnahme von Bayern, Schleswig-Holstein und der Stadtstaaten erhielten alle anderen nach 1945 einen neuen Zuschnitt. Die Alliierten setzten darauf, dass ein dezentralisierter Weststaat nicht jene Machtfülle entwickeln könnte, die der nationalsozialistische Zentralstaat erreicht hatte. Dagegen zeigt die Bildung der Länder im Osten nach 1989, dass eben jene Frage der Identität inzwischen zu einer bedeutenden geworden ist. Das gilt heute auch im Westen. Wie tief solche Empfindlichkeiten reichen, zeigt beispielsweise das Scheitern des Fusionsversuchs zwischen Brandenburg und Berlin. Solche Gefühle wogen bislang immer schwerer als das Argument, mit einer Zusammenlegung könne man die Zahl der Beamten halbieren, oder die der Minister.

Dennoch sind Kooperationen zwischen einzelnen Ländern längst Gang und Gäbe. Beispielsweise diskutieren Hamburg und Schleswig-Holstein darüber, einen Teil ihrer Gerichtsbarkeit zusammenzulegen. So könnten die obersten Fachgerichte und das Verfassungsgericht beider Länder fusionieren. Das spart Kosten, ohne Bürgergefühle allzu sehr zu verletzen. Auch muss der Wettbewerb zwischen den Ländern kein Schaden sein. Beispielsweise sollen künftig die Länder den Satz der Grunderwerbssteuer selbst bestimmen dürfen. Das eröffnet ihnen neue Wege der Industrieförderung und Standortsicherung und könnte zum Vorteil für kleinere Länder werden, die weniger interne Rivalitäten zu bedenken haben als große.

Die machtpolitische Frage , wie stark die Opposition die Bundesregierung mithilfe einer Mehrheit im Bundesrat blockieren kann, ist mit der Föderalismusreform zumindest teilweise beantwortet. Offen bleibt dagegen die Frage des Geldes. "Von den Geldströmen hängt es aber letztlich ab, welche Dynamik ein föderales System entfaltet - oder eben auch nicht entfaltet", schreibt die Financial Times Deutschland . Die Große Koalition hat zugesagt, sich nach dem Beschluss der Reform mit einer weiteren Reform der Finanzen zu beschäftigen. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) zeigt sich allerdings schon skeptisch. Angeblich ist noch nicht einmal in Ansätzen erkennbar, was der Inhalt eines solchen Vorhabens sein könnte. Vielleicht sollten die Finanzpolitiker der Koalition einige Vorschläge im Land einholen. Sie könnten überrascht sein, wie viel Ideenreichtum sie vorfänden.