An der Baumarktkasse soll Kunde künftig nicht mehr gleich Kunde sein. Wenn ein Mann im Blaumann heute in der Schlange steht, ist es der Kassiererin egal, ob er Hobbyschreiner ist oder professioneller Handwerker. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück will was ändern. Von 2010 an könnte der Heimwerker im Rahmen eines Großeinkaufs für eine Packung Nägel 11,90 Euro zahlen, der gewerbliche Kunde dagegen nur 10 Euro.

Grund ist ein neues Mehrwertsteuersystem, das nach dem Willen der Großen Koalition für weniger Steuerausfälle sorgen soll. Manche Steuerexperten bezweifeln jedoch, dass das gelingt. Wirtschaftsverbände fürchten, dass der Fiskus das Risiko der Steuerhinterziehung auf die Unternehmen abwälzen will. Außerdem ist offen, ob die Europäische Kommission den Systemwechsel billigt.

Derzeit summieren sich die Mehrwertsteuerausfälle nach Schätzungen des Ifo-Instituts auf 17 Milliarden Euro im Jahr. Das sind mehr als zehn Prozent der tatsächlichen Einnahmen. Zu dem Fehlbetrag tragen einerseits Schwarzarbeiter bei, andererseits Pleitefirmen, die nach der Insolvenz ihre Umsatzsteuerschulden nicht mehr zahlen können. Dazu kommen Betrügereien, denn krumme Geschäfte sind einfach. Die Betrüger nutzen aus, dass Unternehmen für ihre Einkäufe  zunächst Mehrwertsteuer zahlen müssen, sich diesen Betrag aber als Vorsteuer vom Finanzamt erstatten lassen können. Sie müssen nur eine Rechnung vorlegen. Dieses System soll bewirken, dass nur Endverbraucher Mehrwertsteuer zahlen. Es öffnet aber auch Tür und Tor für Steuerbetrug, beispielsweise mit fingierten Rechnungen. Der ehrliche Kunde muss letztlich höhere Steuersätze in Kauf nehmen.

Abhilfe schaffen soll das "Reverse-Charge-Modell". Es befreit Lieferungen zwischen Unternehmen von der Mehrwertsteuer. Erst beim Verkauf an den Endverbraucher wird die Steuer fällig, also bei Lieferung an Privatkunden oder an Kleinunternehmer, die schon heute keine Vorsteuer abziehen können. Wird das neue System eingeführt, entfällt das Recht der Unternehmen, sich die Mehrwertsteuer zurückerstatten zu lassen. Betrüger könnten nicht mehr zugreifen. Das neue Verfahren soll allerdings nur für Rechnungen über mehr als 5000 Euro gelten. Für alle Geschäfte unterhalb dieser Bagatellgrenze ändert sich nichts.

"Das Reverse-Charge-Verfahren ist grundsätzlich geeignet, um den Steuerbetrug zu bekämpfen", sagt Maik Czwalinna vom Deutschen Steuerberaterverband (DStV). Österreich hat das Verfahren 2003 für die Bauwirtschaft eingeführt. Nach Angaben des Wiener Finanzministeriums stiegen die Mehrwertsteuereinnahmen in diesem Sektor dadurch um zehn Prozent. Auch in der deutschen Baubranche gilt Reverse Charge seit April 2004.

Allerdings hat das neue System seine Tücken: Für jeden Kunden ist es plötzlich von Vorteil, sich an der Ladenkasse als Unternehmer auszugeben. "Ameisenkriminalität" nennen das die Fachleute. Damit derartige Hochstapelei nicht zum Volkssport wird und die Staatskasse leert, muss die Bagatellgrenze so hoch sein, dass die meisten Privateinkäufe gar nicht unter die neuen Regeln fallen. "Denn wenn die Steuerfahnder nicht mal die großen Betrugsbanden erwischen, wie sollen sie dann die vielen kleinen Ameisen fangen?", fragt Rüdiger Parsche, Steuerexperte beim Ifo-Institut. Andererseits darf die Grenze auch nicht zu hoch liegen, sonst bleibt das klassische Betrugsgeschäft attraktiv.