Die 5000-Euro-Marke gilt als guter Kompromiss. Die Münchener Beratungsgesellschaft Peters, Schönberger & Partner hat Unternehmer und Steuerfahnder ein entsprechendes Modell durchspielen lassen. Das Ergebnis: Jedes Jahr würde der Fiskus durch den Wegfall klassischer Betrugsmöglichkeiten 5,2 Milliarden Euro mehr einnehmen. Neue Hinterziehungswege sollen die Staatskasse nur rund 1,4 Milliarden kosten. Übrig bliebe ein Plus von 3,8 Milliarden Euro. Mit diesem Gutachten im Rücken treibt Steinbrück das Projekt Reverse Charge voran: "Die politische Entscheidung ist getroffen", sagt ein Ministeriumssprecher.

Steuerfachleute glauben aber noch nicht recht an die schöne neue Mehrwertsteuerwelt. "Es hängt alles davon ab, ob es gelingt, sicher zwischen Unternehmen und Privatleuten zu unterscheiden", sagt Steuerrechtsprofessor Wolfram Reiß aus Erlangen. Für diese Sicherheit sollen so genannte R-Nummern sorgen. Damit weisen sich Unternehmen beim Einkaufen aus, der Verkäufer prüft die Nummer in einem Internet-Zentralregister. Außerdem sollen Steuerfahnder elektronisch kontrollieren können, ob in den Büchern von Lieferfirma und Empfängerunternehmen dieselben Zahlen stehen.

Im Planspiel schlug sich dieses Verfahren gut. Czwalinna vom Steuerberaterverband bezweifelt allerdings, dass sich das Geschick der Betrügerbanden simulieren lässt: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man auf einer solchen Grundlage die Höhe der Steuerausfälle abschätzen kann." Die Experten verweisen außerdem auf die Erfahrungen mit dem grenzüberschreitenden Handel in der EU, der für Unternehmen schon heute praktisch umsatzsteuerfrei ist. "Dabei scheinen die Kontrollen gerade nicht gut zu funktionieren", sagt Steuerrechtler Reiß. So hat der europäische Binnenmarkt den Umsatzsteuerbetrug erst richtig in Schwung gebracht.

Umso interessanter wird die Frage, wer zahlen soll, falls die Kontrollen versagen. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und die Handelsverbände BGA und HDE erwarten, dass millionenschwere Lasten auf die Unternehmen zukommen. Besonders groß ist die Angst vor Scheinunternehmern, die sich im Laden mit einer R-Nummer ausweisen und damit umsatzsteuerfrei einkaufen. Nach Auffassung der Verbände müsste es ausreichen, wenn ein Verkäufer die Nummer ordnungsgemäß geprüft hat - selbst wenn sich der Möchtegern-Unternehmer später als Hochstapler entpuppt. "Das Finanzministerium sagt aber: In diesem Fall holen wir uns die Steuer von der leistenden Firma", berichtet Matthias Lefarth, Leiter der Abteilung Steuer- und Finanzpolitik beim ZDH. Entsprechend hätten sich Steinbrücks Vertreter bei einer Anhörung mit Fachleuten und Wirtschaftsverbänden am 22. Februar geäußert. "Würde die Finanzverwaltung wirklich an Reverse Charge und die Kontrollen glauben", sagt Lefarth, "dann hätte sie keine Probleme mit einem großzügigen Vertrauensschutz." Offiziell hält sich das Ministerium mit Äußerungen zurück: Die Details des Reverse-Charge-Verfahrens stünden noch nicht fest.

Die Wirtschaft stört sich allerdings nicht nur an den Haftungsfragen, sondern auch am zusätzlichen Aufwand. Da das klassische Mehrwertsteuerverfahren für Rechnungen bis 5000 Euro weiter gilt, werden viele Unternehmen zwei Systeme parallel jonglieren müssen. "Das wird extrem kompliziert", meint Lefarth. Der Handelsverband BGA kämpft dafür, dass zumindest dem Einzelhandel die Mühsal erspart bleibt. Die Rechnungen in den Läden blieben schließlich meist unter der Bagatellgrenze, argumentiert Michael Alber, Leiter der BGA-Steuerabteilung. "Man muss sehen, ob die Zahl der Rechnungen über 5000 Euro den zusätzlichen Aufwand rechtfertigt."

Zunächst richten sich die Blicke aller Beteiligten aber nach Brüssel: Die EU-Kommission muss allen größeren Änderungen bei der Mehrwertsteuer zustimmen. Aus Kommissionskreisen waren in den vergangenen Wochen erhebliche Vorbehalte gegen die deutschen Pläne zu hören. Deshalb müsse Steinbrück vorsorgen, fordert die Deutsche Steuergewerkschaft (DStG), die die Angestellten der Finanzverwaltung vertritt. "Es geht wertvolle Zeit verloren, wenn man nach fünf Jahren feststellt, dass die Genehmigung aus Brüssel doch nicht kommt", sagt der DStG-Vorsitzende Dieter Ondracek.