Seit den ersten indischen Atomwaffentests im Jahre 1974 verweigern die Vereinigten Staaten dem Kernwaffenstaat jede Zusammenarbeit auf nukleartechnischem Gebiet. An diesem Donnerstag indessen vereinbarten Amerikas Präsident George W. Bush und der indische Premierminister Manmohan Singh die Aufhebung der Verbotsgesetze; der US-Kongress muss noch zustimmen. Im Gegenzug erlaubt Indien, das den Atomwaffensperrvertrag nie unterschrieben hat, Kontrollen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA. Mit dieser Abmachung setzten die beiden Regierungen um, was sie bereits anlässlich des Amerikabesuchs des indischen Politikers im Juli vergangenen Jahres beschlossen hatten.

Warum dieser Politikwechsel in Washington? Schon vor einem Jahr war zu hören, dass man die Versuche aufgeben könne, die einander verfeindeten Atommächte Indien und Pakistan in den Sperrvertrag aufzunehmen. Denn entweder müsste man sie im Beitrittsfall als Kernwaffenstaaten anerkennen – was aber dem Sinn des Vertrages zuwiderlaufen würde, die Zahl dieser Mächte auf die großen Fünf zu beschränken (USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien). Oder aber, sie müssten sich ihrer Arsenale entledigen, und das ist utopisch. Tertium non datur – oder doch? Das eben soll die Politik herausfinden, die Staaten unter IAEA-Beobachtung zu stellen (genauer gesagt: unter intensivere Beobachtung, denn es finden bereits auf rein freiwilliger Basis Inspektionen statt). In dieser Linie ergibt die indische Abmachung dieses Donnerstags Sinn.

Doch Washington dürfte noch von weiteren Interessen geleitet sein. Bisher hatten die USA das mit Indien rivalisierende Pakistan favorisiert, insbesondere wegen der Bedeutung dieses Landes für den Kampf gegen den Terror. Doch erstens wird der islamische Staat mehr und mehr zum unsicheren Verbündeten, und zweitens empfiehlt Indien sich als Partner für ein geostrategisches Feld, das auf lange Sicht wichtiger als der Antierrorkrieg werden dürfte: die Rivalität zwischen Amerika und China.

Warum Indien an dem Deal interessiert ist, liegt auf der Hand. Das Land verfolgt ein aggressives Atomprogramm zum Zweck der Stromgewinnung und Meerwasserentsalzung, weshalb es auf technische Zusammenarbeit angewiesen ist. Allerdings passte die im Juli 2005 in Washington angekündigte, stärkere Präsenz von IAEA-Inspektoren der nuclear community im Lande nicht, weshalb sie mit mächtiger Lobbyarbeit begann. Das Ergebnis ist nun zu besichtigen. Die indische Seite ließ verlauten, dass nach Ablauf eines Stufenplans „etwa 65 Prozent“ der gegenwärtig aktiven Leichtwasserreaktoren unter IAEA-Kontrolle fallen sollen – ob das mit dem Anteil der zivilen Anlagen übereinstimmt, ist ungewiss. Wie weit auch zukünftige Anlagen unter diese Regel fallen, blieb offen; geklärt wiederum ist, dass Indiens Schnelle Brüter nicht einbezogen werden – und das indische Atomprogramm ist im Kern ein Brüterprogramm.

Bisher verfügbaren Informationen zufolge scheint überdies Unklarheit darüber zu herrschen, ob die IAEA-Kontrollen – ganz im Gegensatz zur Regel - befristet oder an Bedingungen geknüpft sind. Eine Bedingung dürfte sein, dass die Abmachung nur gilt, solange die USA Nuklearbrennstoff nach Indien liefern.

Ist das also ein Erfolg in dem Bemühen, die Weiterverbreitung von Atomwaffen (Proliferation) einzudämmen? In gewisser Weise schon. Immerhin wird Indien jetzt dafür belohnt, dass seine Kernwaffentechnik nicht in andere Länder gesickert ist - anders etwa als diejenige des Erzrivalen Pakistan. Und es ließe sich auch argumentieren, dass jede Abmachung, die der IAEA mehr Inspektionsrechte einräumt als bisher, ein Fortschritt ist.