Als sich die Experten aus 50 EU-Ländern und Anrainerstaaten am 28. Februar nach zweitägigen Beratungen in Paris trennten, war man sich wieder einmal einig: Mit aller Konsequenz müsse man gegen die Vogelgrippe vorgehen, Maßnahmen abstimmen, neue Infektionsherde aufspüren. Auch das Thema Impfen sei diskutiert worden, teilte die Tiergesundheitsorganisation OIE (Office International des Epizooties) zum Abschluss der Konferenz mit - man ziehe es "in spezifischen Fällen als eine Option in Betracht". Was blieb den Fachleuten auch anderes übrig, als sich zu dieser Option zu bekennen. Denn bereits am Montag, nur wenige hundert Kilometer entfernt, im französischen Departement Landes, wurde damit begonnen, Gänse und Enten zu Hunderttausenden zu impfen.

Als erstes Land macht Frankreich damit von einer neuen EU-Richtlinie Gebrauch, nach der das Impfverbot in Europa aufgrund der wachsenden Bedrohung für die Geflügelwirtschaft aufgehoben wurde. Seit dem 20. Dezember sind Impfungen auf Antrag für besonders bedrohte Regionen und Betriebe zulässig. Landes und zwei weitere Departements hatten ihre Pläne erst am 21. Februar in Brüssel vorgelegt, nur drei Tage später kam die Genehmigung der EU-Kommission . 900.000 Enten und Gänse - nicht Hühner - im Südwesten Frankreichs sollen jetzt geimpft werden. Fleischprodukte dieser Tiere - vor allem Gänsestopfleber (Foie Gras) und Entenbrust - bleiben dennoch für den Export zugelassen. Und warum sollte es auch nicht so sein, warum nicht impfen?

"Wirtschaftlich ist das gerechtfertigt", sagt Ulrich Neumann, Direktor der Geflügelklinik an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, und für die Zukunft sieht er in Impfungen auch mehr als eine Notmaßnahme. "Das Ziel sollte eines Tages sein: Impfung vor Tötung." Doch im Moment ist nach Ansicht des Fachmanns keiner der zugelassenen Impfstoffe für eine solche Strategie geeignet. Und erst kürzlich brachte das Journal Emerging Infectious Diseases ein Sonderheft zum Thema H5N1 heraus. Darin schreibt einer der Pioniere der Vogelgrippeforschung - der amerikanische Virologe Roger Webster - gemeinsam mit prominenten Kollegen Denkwürdiges: "Die Wurzel der fortdauernden pandemischen Bedrohung durch H5N1 könnte in der Art und Weise liegen, auf die die Gefährlichkeit von H5N1 durch mangelhafte Geflügelvakzine maskiert wurde." Mit anderen Worten: Ausgerechnet die Impfungen haben womöglich dazu beigetragen, dass sich H5N1 so hartnäckig und weit ausbreiten konnte.

Dass die fachdeutsch Vakzinierung genannte Schutzmaßnahme von Geflügel Risiken birgt, ist bekannt. Die Impfungen schützen nicht vor einer Ansteckung, die Vögel werden bloß weniger oder gar nicht krank. Andere Tiere können sie aber immer noch infizieren. "Es gibt derzeit keinen (zugelassenen) Impfstoff, der die Virusausscheidung vollständig unterdrückt", sagt Neumann. Eine stille Infektion geimpften Federviehs ließe sich zudem nur mit erheblichem Aufwand nachweisen. Etablierte Verfahren können zwischen einem Feldvirus H5N1 und dem Impfvirus H5N2 nicht unterscheiden. Das Virus zirkuliert und verändert sich weiter, bis es wieder auf ungeschützte Tiere übergreift. Strenge Schutzmaßnahmen in den Impfgebieten sollen letzteres verhindern, laut der neuen EU-Richtlinie müssen die Tiere vollkommen abgeschottet werden. Außerdem setzt man ungeimpfte Sentineltiere (Wächter) zwischen die Herden, von denen man erwartet, dass sie in Anwesenheit des Virus tot umfallen und damit Alarm geben.

Doch was Webster und seine Kollegen meinen, geht weit über die Risiken hinaus, die Politiker und Organisationen in Kauf zu nehmen bereit sind, wenn sie jetzt von Impfung sprechen. Die Erfahrung lehrt nämlich, dass die Überwachung geimpfter Tiere in der Praxis nicht so glatt funktioniert wie in der Theorie. Mexiko versuchte bereits in den 80iger Jahren, sich auf diesem Weg einer H5N2-Epidemie zu entledigen. Das Virus ist man bis heute nicht losgeworden, es hat sich in ganz Südamerika als Dauergast etabliert.

Vergleichbares gilt für China, wo bereits vor zwei Jahren in Massen mit Impfstoffen gegen H5N1 vorgegangen wurde. Das größte Land Ostasiens impft immer noch, während H5N1 unbeirrt weiter durch seine Massenhühnerhaltungen viruliert - und mittlerweile auch immer mehr Menschen in China infiziert. Die Kombination aus wirkungsschwachen Impfstoffen und löchrigen Beständen geht an den Viren aber nicht spurlos vorbei: "Influenzaviren sind notorisch mutationsfreudig, und der Impfstoff kann einen gewissen Selektionsdruck ausüben", erklärt Ulrich Neumann. "Die meisten Viren werden durch die Immunreaktion des Tieres dann ausgelöscht, andere aber entkommen dem Abwehrsystem." Diese besser angepassten Viren können sich mangels Konkurrenz dann um so besser entfalten, ein Effekt, der als antigener Drift zur Entstehung neuer, potenziell gefährlicher Virusvarianten beiträgt. Diese müssen zwar nicht in den geimpften Tieren zu Erkrankungen führen. Bekommen die Varianten aber Zugang zu einem neue Wirt, beispielsweise einer Schar von Wildvögeln, können sie dort umso verheerender wüten.

Dass dies nun auch in Frankreich passieren muss, ist nicht gesagt. Zunächst einmal soll und kann der Impfstoff verhindern, dass im Falle des Falles Hunderttausende Enten und Gänse gekeult werden müssen. Und aus Bequemlichkeit oder Leichtsinn hat Frankreich wohl kaum mit den Vakzinierungen begonnen - man fürchtet den bald einsetzenden Vogelzug, der insbesondere die drei besagten Departements betreffen wird. "Kein Land würde ohne Not gegen die Vogelgrippe impfen", bestätigt auch Neumann. "Das ist ein enormer Aufwand, die Impfung muss für jedes Tier einzeln per Spritze erfolgen - und die Kosten sind auch ganz erheblich."

Doch was langfristig dabei herauskommen wird, bleibt offen. Über die Wirkung des Impfstoffs in Enten und Gänsen ist bis dato sehr wenig bekannt, und vielleicht bezeichnet Frankreich seinen Impfplan deshalb auch so treffend als "Pilotprojekt". Da Wassergeflügel aber nicht in abgeschlossenen Ställen gehalten werden kann, dürfte die Isolierung und die Kontrolle der Impfbestände schwierig werden. Zu einem klaren Pro für die Impfung als Seuchenbekämpfungsmittel kann sich auch Neumann nicht durchringen - aber ebenso wenig zu einem klaren Contra. "Ich will mich nicht in ein Jein flüchten, aber es gibt ethische Belange und auch die Politiker stehen unter großem Druck - da treffen viele Kraftlinien aufeinander."

Bleibt zu hoffen, dass diese Linien nicht in Richtung einer Dauerverseuchung weisen. In Deutschland wird es zunächst jedenfalls nicht zu prophylaktischen Impfungen im großen Stil kommen - auch wenn das Bundesministerium für Landwirtschaft die Option als solche im Auge behält. "Deutschland wird eine Impfstrategie entwickeln, die die Sicherheit von Mensch und Tier garantiert und nicht Gefühle bedient," sagt Minister Horst Seehofer . Dazu gehört vor allem die Suche nach einer besseren Vakzine, die umfassend schützt und dem Erreger nicht noch unter die Arme greift.