Es gibt Dinge, die haben so komplizierte Namen, dass man sie schnell wieder vergisst. Mit den Phthalaten scheint es sich auch so zu verhalten. Erst im vergangenen Jahr machte diese Chemikaliengruppe Schlagzeilen, weil sie sich in Tierversuchen als fruchtschädigend erwiesen hat. Männliche Ratten und Mäuse, die vor der Geburt mit hohen Dosen dieser Stoffe belastet werden, kommen mit verkrüppelten Genitalien zur Welt. Auch existiert eine epidemiologische Untersuchung, die auf einen Zusammenhang zwischen unterentwickelten Geschlechtsorganen und Phthalaten beim Menschen hinweist. Als Weichmacher steckten diese Substanzen jahrzehntelang quasi überall drin: In den Deckeln von Schraubgläsern, in Babybeißringen und Schnullern, in Hautcremes und - in Medikamenten.

In all diesen Dingen sind Phthalate inzwischen verboten, nur in den Medikamenten nicht. Für den Erlanger Umweltmediziner Jürgen Angerer ist das ein inakzeptabler Zustand. Bereits im vergangenen Jahr veröffentlichte Angerer mit Kollegen seines Instituts eine kleine Untersuchung zu Dibutylphthalat (DBP), das als magensaftresistenter Bezug in zahlreichen Kapseln und Dragees zum pharmazeutischen Einsatz kommt. Sie beobachteten Aufnahme und Verstoffwechselung der Chemikalie bei einem Mann, der DBP-haltige Kapseln schluckte, und stellten eine bis zu zehnfache Überschreitung des EU-weit festgelegten Grenzwerts von 100 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht fest. Angerer wies das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf seine Resultate hin. Man versprach, die Sache genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ein halbes Jahr später legt die ARD-Sendung Plusminus nach: Am Montag gab der Sender eine Pressemitteilung heraus, laut der das umstrittene DBP in derzeit 51, zum Teil rezeptfrei verkäuflichen und oft pflanzlichen Arzneien enthalten ist - von denen einige auch noch ausdrücklich für Schwangere empfohlen werden. Um das versteckte Risiko zu untermauern, untersuchten Fernsehsender und das Institut in Erlangen gemeinsam noch einmal neun Männer und Frauen, die DBP-haltige Medikamente mit pflanzlichem Wirkstoff schluckten. Der täglich zulässige Grenzwert sei bei diesen Menschen um das bis zu 63-fache überschritten worden, heißt es nun aus Erlangen. Menschen, die vermeintlich harmlose Mittel einnehmen, unterliegen nach Aussage von Plusminus einer "fatalen Fehleinschätzung".

"Da muss jetzt endlich etwas passieren", sagt auch Jürgen Angerer gegenüber ZEIT online . Für ihn sei unverständlich, warum das BfArM diesen Missstand nach seinem Hinweis im vergangenen Jahr einfach hingenommen habe. "Ich warte heute noch auf einen Rückruf, um über das Ergebnis von damals zu sprechen." Die Resultate der gemeinsam mit Plusminus veranlassten Tests seien wiederum eindeutig. Doch während Angerer keinen Zweifel daran hegt, dass die neuen Daten das Schicksal von DBP als pharmazeutischen Hilfsstoff nun endlich besiegeln, ist unwahrscheinlich, dass das auch tatsächlich geschieht.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn wolle die Untersuchungsergebnisse aus der ARD-Sendung prüfen und dann über eine Einschränkung der Anwendung oder über neue Hinweise auf den Packungsbeilagen von DBP-haltigen Arzneimitteln entscheiden, heißt es in der Pressemitteilung von Plusminus . Tatsächlich aber erklärte das BfArM erst am Dienstag, man sehe für die umstrittenen Präparate "auch nach den jüngsten Medieninformationen über Studienergebnisse keine akute Gefährdung". Eine Verunsicherung der Patienten ist nach Aussage von Institutsleiter Reinhard Kurth "nicht gerechtfertigt".

Doch die Verunsicherung ist längst da. Und es drängt sich die Frage auf, wie eine verantwortliche Behörde einfach so Risiken vom Tisch wischen kann, die offensichtlich sind und ungeborenes Leben bedrohen. "Wissen Sie, wir wehren uns überhaupt nicht dagegen, dass Phthalate sofort aus den Medikamenten verschwinden", sagt Ulrich Hagemann, Leiter der Pharmakovigilanzabteilung am BfArM im Gespräch mit ZEIT online . "Aber die bisherigen toxikologischen Untersuchungen geben keinen Anlass dafür." Wie das? Ist die 63-fache Überschreitung von Grenzwerten nicht Anlass genug?