Und dann trug John Lennon doch noch das Trikot des FC Liverpool. Fans der „Reds“ streiften es der Statue des berühmtesten Sohns der Stadt am John Lennon Airport im vergangenen Mai nach dem Gewinn der Champions League über. Das Sicherheitspersonal, sicherlich Anhänger des Lokalrivalen FC Everton, verstand keinen Spaß und entfernte das rote Hemd so schnell es ging.

"No Comment", sagt Paul

Popmusik und Fußball spielen sich auf der Insel fast zwanghaft die Bälle zu: Damon Albarn (Gorillaz, Blur) liebt Chelsea, die Gebrüder Gallagher von Oasis unterstützen Manchester City und Robbie Williams spielt sogar selbst ganz passabel. Und alle beziehen sich auf die Beatles, deren Lieder in vielen Stadien die Melodie der Fangesänge liefern. Auf der Beerdigung von George Best wurde „The Long And Winding Road“ gespielt, obwohl der Verstorbene privat lieber die Rolling Stones gehört hatte. Der langhaarige Best, der erste Popstar unter den Fußballern, wurde der „fünfte Beatle“ genannt. Ob sich die Fab Four selbst allerdings überhaupt jemals für Fußball interessiert haben, bleibt rätselhaft. George Harrison war immerhin bis zu seinem Tod ein leidenschaftlicher Fan der Formel Eins und Motorradrennen.

Die RUND-Recherche beginnt in London mit einer Anfrage bei Paul McCartneys PR-Agenten. „No comment“, heißt es dort zu diesem heiklen Thema. Die engsten deutschen Freunde der Band sind kooperativer. Wenn Astrid Kirchherr über die Beatles spricht, muss sie nicht lange überlegen. Sie war ihre engste Vertraute, als die Jungmusiker aus Nordengland in Hamburg gastierten. Sie verlobte sich mit Bandmitglied Stuart Sutcliffe, der die Band verließ und den Bass an Paul McCartney übergab.

"Vielleicht Ringo", muss Astrid Kirchherr überlegen

Aber Fußball? Da kommt die Frau, die im Interview viel jünger als ihre 67 Jahre wirkt und gerne Jamiroquai hört, dann doch ins Grübeln. „Ich glaube, Ringo hat sich dafür interessiert. Aber das kann ich nicht beschwören“, sagt die Fotografin, die auf dem Heiligengeistfeld in Sichtweite des Stadions des FC St. Pauli die ersten professionellen Beatles-Bilder machte.

Die Beweise sind erdrückend. Offiziell wollte John Lennon überhaupt nichts mit Sport zu tun haben. Dennoch war es der Chef der Band, der die meisten Bezüge zum Fußball im Werk der Beatles unterbrachte

Hat aber Astrid Kirchherr vielleicht als bekennende Fußballlaiin nur nicht hingehört, wenn John und Paul im Hamburger Exil nächtelang über den Tabellenstand der englischen Liga fachsimpelten? Der renommierte Grafiker und Musiker Klaus Voormann hat über die Zeit in Hamburg gerade das Buch „Four Track Stories“ veröffentlicht: „Ich bin ja nun selbst ein Fußballfan und habe auch selber eine Menge gespielt. Leider, und das zu meiner größten Erschütterung, musste ich feststellen, dass unsere Beatlebuben null mit Sport am Hut haben, und das betrifft alle. Die hatten so viel mit ihrer Musik und Karriere zu tun, da blieb wohl keine Zeit für so etwas.“

"Spielen sie jeden Abend Fußball?", fragt George

Aber in den zahlreichen Beatles-Biografien muss doch es Hinweise geben. Und endlich, in der „Beatles Anthology“ berichtet Paul, wie er als Kind mit Onkel Harry und Onkel Ron, beide Fans des FC Everton, ins Goodison Park Stadium ging. „Einmal hatte ein Zuschauer eine Trompete dabei und kommentierte das Spiel musikalisch. Wenn ein Spieler viel zu hoch am Tor vorbei schoss, spielte er ,Over The Mountains, Over The Sea‘. Sehr gekonnt.“ Macca soll sich auch als Beatle Spiele von Everton angeschaut haben, wie etwa das 0:1 nach Verlängerung verlorene Pokalfinale gegen West Bromwich Albion. Vor zwei Jahren wurden auf „Let It Be Naked“ unter dem passenden Namen „Fly On The Wall“ Improvisationen und Gesprächsfetzen veröffentlicht, die 1969 bei Jam Sessions im Studio aufgenommen wurden. Die Gruppe steuerte auf ihre Auflösung zu, doch es wurde auch gewitzelt. Ringo berichtet ungläubig von der täglichen Begegnung mit einem Sportfanatiker: „Er erzählt dir alles über jede Fußballmannschaft: ,Sie haben es geschafft, Mann.‘“ George fragt: „Spielen sie jeden Abend?“ Ringo: „Gestern war es Chelsea.“ Paul setzt einen drauf: „Er weiß alles über die Hockeymeisterschaft vom letzten Jahr.“

John Lennon ist bei diesem Gespräch nicht zu hören. Offiziell kokettierte er mit seiner Ablehnung des Sports, doch die meisten Bezüge zum Ballsport im Werk der Beatles gingen überraschenderweise auf ihn zurück. Die Beweise, dass er der größte Fußballfan der Beatles war, sind erdrückend. Er sorgte dafür, dass ein Fußballer auf dem Cover von „Sergeant Pepper“ Platz fand: Neben Marlene Dietrich steht Albert Stubbins, der Mittelstürmer des FC Liverpool von 1946 bis 1952. Eine später veröffentlichte Version des erstmals auf dem Weißen Album erschienenen „Glass Onion“ schließt mit „It’s a goal!“ aus der Reportage des legendären BBC-Reporters Kenneth Wolstenholme zum 3:2 des WM-Finales 1966,dem berühmten Wembleytor. Lennon reiste im August 1968 in die alte Heimat, zum Lokalderby der „Reds“ gegen die „Toffees“; auf der Platte „Let It Be“ von 1970 wird in „Dig It“ Matt Busby erwähnt, der Meistertrainer von Manchester United und Spieler des FC Liverpool.

Und auf die Hülle seines Soloalbums „Walls and Bridges“ brachte Lennon eine Fußballerzeichnung, die er als Elfjähriger gemacht hatte. Das war 1974, er war in die USA übergesiedelt und dachte nostalgisch an seine Kindheit zurück. Als ein ganz normaler englischer Junge, der den Fußball liebte.