Mit einem Vortrag im altehrwürdigen Audimax der Humboldt-Universität zu Berlin hatte der polnische Präsident Lech Kaczy ń ski seinen Deutschlandbesuch krönen wollen. Doch irgendwie lief alles schief, spätestens von dem Moment an, in dem der Präsident den überfüllten Hörsaal betrat. Mutterseelenallein und nur von seinen Leibwächtern flankiert stand er eine Weile verloren auf dem Podium herum, bis endlich sich andere Gäste zu ihm gesellten. Das sollte nicht die einzige Panne bleiben. Bereits die ersten Begrüßungsworte wurden von ausdauernden Pfiffen und Buhrufen begleitet. Etwa 50 deutsche und polnische Mitglieder einer Schwulen- und Lesbeninitiative verursachten erstaunlichen Lärm. Über "Solidarität in Europa" hatte Kaczy ń ski sprechen wollen, "Solidarität statt Ausgrenzung" forderten die Studenten nun von dem national-konservativen Politiker, dessen intolerante Haltung zu Homosexuellen bekannt ist.

Im Saal empörten sich unterdessen Honoratioren, die gekommen waren, dem Staatsgast zu lauschen. Eine Unverschämtheit sei das, dem polnischen Staatoberhaupt so einen Empfang zu bieten, schimpfte ein grauhaariger Herr laut in den Saal hinein, während man die Offiziellen der Universität durch das nicht ausgeschaltete Mikrofon darüber diskutieren hörte, ob man "das räumen lassen" könne.

Schließlich gelang es dann doch, ein Minimum an Ordnung herzustellen. Viele Jahre lang habe er an einer Universität unterrichtet, "allerdings unter anderen Bedingungen", mit diesen Worten begann Kaczy ń ski seine frei vorgetragene Rede, die zu allem Unglück auch noch miserabel übersetzt wurde. Ansonsten ging er auf die von den Demonstranten beanstandeten Zustände nicht ein, sondern wandte sich seinem Hauptgegenstand zu, der Zukunft der Europäischen Union. Dabei bekräftigte er seinen Widerwillen gegen eine politisch zu starke EU. Zwar unterstrich er, wie wichtig für Polen die Mitgliedschaft in der EU sei, kritisierte sogar, auf diese habe man zu lange warten müssen. Zugleich machte er aber auch deutlich, welch hohen Stellenwert der Nationalstaat für ihn hat.

Gerade für die Länder des ehemaligen Ostblocks sei es schwierig, die erst vor kurzem gewonnene Souveränität aufzugeben, wiederholte er das von ihm bekannte Argumentationsmuster. Der Verfassungsprozess komme für Europa zu früh. Schließlich sei für die Bürger Europas der nationale Staat nach wie vor die entscheidende Bezugsgröße. Auch am im Verhältnis zur europäischen Wirtschaftsleistung geringen Haushaltsvolumen der EU könne man sehen, dass es sich bei der Union nicht um ein Staatengebilde handele. Das Europa, das Kaczy ń ski vorschwebt, ist ein Europa der pragmatischen Zusammenarbeit selbstständiger Staaten.

Gleichwohl betonte er, dass es wichtig sei, verbindliche Regelungen zu schaffen oder das Einstimmigkeitsprinzip bei vielen EU-Entscheidungen durch das Mehrheitsprinzip zu ersetzen. Die europäische Zusammenarbeit könne auch ohne Verfassung auf vielen Ebenen vertieft werden, sagte Kaczy ń ski. So sei es denkbar, ein europäisches Korps für Militäreinsätze zu bilden. Seine Rede beendete der Präsident mit einem Plädoyer für die Aufnahme weiterer Staaten Osteuropas wie beispielsweise der Ukraine. 

Für die Bundesregierung dürfte mit dieser Rede deutlich geworden sein, dass Kaczy ń ski trotz der moderaten Töne, die er am ersten Tag seines Deutschlandsbesuchs angeschlagen hatte, ein schwieriger Partner bleibt. Zum deutsch-polnischen Verhältnis hatte Kaczy ń ski am Tag zuvor gesagt, 61 Jahre nach dem Krieg sei es an der Zeit, gewisse Dinge abzuschließen. Für den polnischen Präsidenten, der gerne die Opferrolle seines Landes in der Vergangenheit betont und daraus auch Legitimation für seine politischen Forderungen zu ziehen sucht, war dies ein erstaunliches Zugeständnis. So zeigten sich Bundespräsident Horst Köhler und Kaczy ń ski beispielsweise zuversichtlich, dass man eine Lösung für das umstrittene Zentrum gegen Vertreibung finden werde. Dieses Thema hatte die deutsch-polnischen Beziehungen bislang immer wieder belastet.