Wenn man eine Liste der in Deutschland am wenigsten beliebten ausländischen Politiker aufstellte, würde der polnische Staatspräsident Lech Kaczy ń ski wohl ziemlich weit vorne auftauchen. Sollte er dennoch nur auf einem mittleren Platz landen, hätte er das vor allem seiner weitgehenden Unbekanntheit zu verdanken. Ansonsten verfügt er über viele Eigenschaften, die ihn hierzulande schnell zum Unsympathen werden lassen.

Nationalkonservativ, homophob, antieuropäisch macht Kaczy ń ski im eigenen Land zudem gern Stimmung mit deutschfeindlichen  Ressentiments. Die Süddeutsche Zeitung schrieb schon am Donnerstag, der Präsident verkörpere eine Provinzialität und Weltfremdheit, die in Europa einzigartig sei. Immerhin gestand man dem neuen polnischen Staatoberhaupt zu, dass man ihm Gelegenheit geben müsse, einiges von dem, was er bislang nur vom Hörensagen kenne, nun persönlich in Augenschein zu nehmen.

Was Deutschland angeht, hat Kaczy ń ski in den vergangenen Tagen einen Anfang gemacht. Es war sein erster Besuch im Nachbarland überhaupt. Und nach Ansicht des Handelsblatts verlief dieser durchaus erfolgreich. Zwar habe es bei den bilateralen Streitthemen keine entscheidende Wende gegeben, schreibt die Zeitung. "Dennoch kann man eine positive Bilanz ziehen. Denn der international unerfahrene Präsident befindet sich erkennbar in der Lernphase". Die Welt geht sogar noch weiter. "Wer Kaczy ń ski im kalten Berlin beobachtete, nahm erstaunt zur Kenntnis, wie der Präsident auftaute und am Ende fast warmherzig mit seinem Gesprächspartner umging." Ein Mindestmaß an Vertrauen sei wiederhergestellt, heißt es. "Um das deutsch-polnische Verhältnis steht es nach dem Besuch Kaczy ń skis besser." Ganz wird man den Verdacht allerdings nicht los, dass vor allem die geringen Erwartungen an den Besuch dieses erstaunte Wohlwollen der Kommentatoren ausgelöst haben.

Auch die tageszeitung kann dem Besuch etwas Gutes abgewinnen, auf einer ganz anderen Grundlage allerdings. Sie diagnostiziert eine neue Nüchternheit im deutsch-polnischen Verhältnis, die sie begrüßenswert findet. "Endlich verflogen ist der unsägliche Beziehungskitsch, der es vor allem auf deutscher Seite so schwer machte, unterschiedliche Interessenlagen im polnisch-deutschen Verhältnis zu erkennen und zu akzeptieren." Auch künftig solle weniger von Freundschaft zwischen den Völkern die Rede sein – "da ist meist Falschgeld im Spiel", heißt es abgeklärt. Realistischer sei es, von einer Freundschaft der Gleichgesinnten zu sprechen, die zum gegenseitigen Nutzen an gemeinsamen Projekten arbeiten. Die Rheinpfalz befindet ähnlich nüchtern, beide Seiten hätten wohl gemerkt, dass sie den Dialog nicht abreißen lassen dürften. In dieser Hinsicht sei Kaczy ń skis Antrittsbesuch ein Anfang gewesen.

Mehr Wohlwollen kann der Präsident allerdings nicht mit in sein vermutlich ebenfalls kaltes Warschau nehmen – vorausgesetzt, es interessiert ihn überhaupt, was die deutsche Presse von ihm hält. Die Augsburger Allgemeine argwöhnt nämlich ohnehin, Kaczy ń skis im Westen wenig goutierte Ausfälligkeiten beispielsweise gegen Homosexuelle ebenso wie seine EU-Schelte richteten sich in erster Linie an die eigenen Klientel zu Hause. Demzufolge müsste Kaczynski erst noch lernen, dass er als Staatpräsident nicht ausschließlich Innenpolitik betreiben kann.

Die Mehrheit der Zeitungen ist denn auch mit dem Auftreten des Polen alles andere als zufrieden. Vor allem mit seiner antieuropäischen Rede an der Humboldt-Universität hat er sich wenig Freunde gemacht. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kritisiert vor allem Kaczy ń skis strikte Absage an den europäischen Verfassungsprozess. "Polen ist einer EU beigetreten, die sich erweitern und vertiefen wollte. Kaczy ń ski aber möchte sie nur noch erweitern, möglichst bis zum Kaukasus. Noch mehr Souveränitätsverzicht will er seinem Land nicht zumuten. Aber was will Polen eigentlich sonst dieser EU geben, von der es so viel fordert?"