Die BBC hat wieder einmal über ihre Widersacher triumphiert. Das Weißbuch der Londoner Regierung, mit dem das Tauziehen um die Zukunft des bedeutendsten Public Broadcasters der Welt zum Abschluss kam, endete mit einem Erfolg an allen Fronten. Kein Wunder, dass die kommerziellen Rivalen der BBC und ihre politischen Widersacher grimmig reagieren. Eine erzürnte Financial Times kommentierte den Triumph des Status Quo als „fast so unglaublich wie Reisen durch die Zeit“. Weder tastete die Regierung Blair die Unabhängigkeit der Organisation an, noch wurde die Finanzierung durch Gebühren beendet.

Bei den Pflichten, die man der BBC auferlegte, handelt es sich um kaum mehr als Selbstverständlichkeiten. Der öffentlich-rechtliche Sender soll „Lernen und Erziehung fördern“, die „zivile Gesellschaft und den sozialen Zusammenhalt stützen“, „kulturelle und gesellschaftliche Vielfalt widerspiegeln und zelebrieren“, Programme von „hoher Qualität“ bieten und darüber hinaus „originell wie innovativ“ sein. Allesamt angenehm dehnbare Formulierungen, mit denen die BBC-Führung um Mark Thompson und Chairman Michael Grade hervorragend leben kann. Zumal die Regierung den Public Broadcaster dazu noch ausdrücklich auffordert, „Unterhaltung“ zu seiner Priorität zu machen. Das lässt sich als Freibrief deuten, stärker auf Einschaltquoten zu schielen und populäre Programme zu bieten.

Der Sender hatte angesichts der alle zehn Jahre fälligen Erneuerung seiner Verfassung - der Royal Charter - drei Dinge zu befürchten: die Preisgabe der bisherigen Finanzierung durch Gebühren, eine Aufsicht von außen durch den Regulator Ofcom und die Einschränkung seiner kommerziellen Aktivitäten. Mehr als zufrieden kann die BBC beim ersten Punkt sein: Bis 2016 sind die Gebühren gesichert. In einer Zeit rapiden technologischen Wandels und digitaler Vielfalt eine beachtlich lange Periode. Gewiss soll 2012 geprüft werden, ob ein Teil der Gebührengelder an andere Public Broadcaster wie Channel 4 fließen soll. Doch niemand in der britischen Medienindustrie würde einen hohen Betrag darauf verwetten, dass die BBC von dieser Prüfung viel zu befürchten hat.

Auch die Drohung einer Aufsicht von außen wurde abgewehrt. Was die Kritiker besonders erzürnt, besitzt die BBC damit doch weiterhin als einzige Medieninstitution das Privileg der „Selbstkontrolle“. Das vielzitierte „Ende der BBC-Gouverneure“ erweist sich bei genauerem Hinschauen als wenig mehr als eine kosmetische Veränderung. Das Board of Governors verschwindet nicht, es wird zweigeteilt. Es geht in einem BBC-Trust auf, der die Aufsichtsfunktion übernimmt. Ofcom, der Superregulator für Telekommunikationsunternehmen und kommerzielle elektronische Medien, hätte die BBC liebend gerne unter seine Fittiche genommen. Nun bleibt Ofcom auf eine beratende Funktion beschränkt. Den Vorsitz im BBC-Trust übernimmt Michael Grade, Chairman der BBC, der bislang dem Board of Governors vorsaß. Was die Kontinuität auch personell unterstreicht.

Ähnlich sieht es im neuen Managing Board aus, dem Vorstand der BBC, erweitert um einige Direktoren, die in diesem Gremium neben den Topmanagern der BBC sitzen werden. Den Vorsitz in diesem Gremium übernimmt BBC Generaldirektor Mark Thompson. Was die vielfältigen kommerziellen Aktivitäten der BBC betrifft, behält sie das Recht, durch solche Aktivitäten Geld zu verdienen, solange die kommerziellen Unternehmungen mit dem „Kern ihres Auftrages in irgendeiner Weise“ verbunden sind. Eine angenehm dehnbare Formulierung, die in der BBC-Führungsetage mit Genugtuung aufgenommen wird. Insgesamt konnte man auch an dieser heiklen Front einen Erfolg erzielen.

Bleibt die Frage, warum die Regierung die BBC so zartfühlend und verständnisvoll behandelte. Dafür lassen sich mehrere Gründe anführen. Die Corporation ist eine der mächtigsten Institutionen des Landes, sie besitzt zahllose einflussreiche Freunde in „high places“ . Auch erfreut sie sich, trotz fallender Einschaltquoten, einer immer noch ungewöhnlichen Popularität. In einer Welt, die sich rapide wandelt, suggeriert die BBC, deren Spitznamen „Old Beeb“ und „Auntie“ eine gewisse Wärme signalisieren, Kontinuität und genuin britische Qualität. Sich an der BBC zu vergreifen, stellte für die Politik ein hohes Risiko dar.

Man darf schon jetzt darauf gespannt sein, ob die Konservativen, sollten sie nach den nächsten Wahlen an die Macht zurückkehren, ihre Pläne, die Gebühren zu beenden und den Koloss zu zerschlagen, tatsächlich verwirklichen werden. Zu guter Letzt können selbst die ärgsten Gegner der Corporation schwerlich bestreiten, dass der Sender trotz aller Fehler und Schwächen immer noch höhere Qualität zu bieten vermag als die kommerzielle Konkurrenz. Und vielleicht noch entscheidender ist die Rolle der BBC als zivilisierender Faktor in einer fragmentierenden Medienwelt, in der kommerzielle Kriterien dominieren.