Eine Börse ist kein normales Unternehmen . Dieses Credo wird Reto Francioni , der neue Chef der Deutschen Börse, nicht müde zu wiederholen. Börsen sind ein Politikum, sie sind die Infrastruktur jeder Volkswirtschaft. Und dennoch: So gut wie derzeit standen die Chancen für einen Zusammenschluss der beiden großen kontinentaleuropäischen Börsen Frankfurt und Paris noch nie.

Zum einen hat die amerikanische Technologiebörse Nasdaq gerade ein sehr teures Übernahmeangebot für die London Stock Exchange vorgelegt. Um diese Braut hatten Frankfurt und Paris in den vergangenen Jahren vergeblich gebuhlt. Aber es ist nur konsequent, dass eine amerikanische Börse die Londoner kauft, nachdem fast alle britischen Investmentbanken längst in amerikanischem Besitz sind.

Zum anderen hat sich Jean-François Théodore, der Chef des französisch dominierten Börsenbündnisses Euronext, am Dienstag erstmals positiv über eine Fusion mit der größeren Deutsche Börse AG geäußert. Die Fusionsidee stammt von Francioni. Kurz darauf haben Bundeskanzlerin Angela Merkel ("Das könnte ein interessantes Projekt sein, wenn es dazu käme") und der französische Staatspräsident Jacques Chirac ("Wenn das Projekt in Erfüllung geht, wäre es interessant") ihren Segen gegeben. Auch das gab es in den langjährigen Annäherungsversuchen der Börsen noch nie.

Obwohl noch keine konkreten Verhandlungen laufen, sei hier schon mal ein politischer Plan skizziert: Sitz der Hauptverwaltung wird Frankfurt, das ist die einzige explizite Bedingung, die Francioni nannte. Der erste Chef des neuen Konzerns wird der Franzose Théodore. Das Ganze muss nur noch den Aktionären gefallen, allen voran den mächtigen Hedge Fonds. So würde Frankfurt endgültig das kontinentaleuropäische Finanzzentrum mit Europäischer Zentralbank und Euro-Börse, an deren Spitze je ein Franzose stünde.

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